Interview Sophie Hunger und ihr neues Musik-Leben

Ihre Musik hat sich stark gewandelt: Sophie Hunger.
Ihre Musik hat sich stark gewandelt: Sophie Hunger. © Foto: Marikel Lahana
Berlin / Udo Eberl 30.08.2018
Synthesizer-Klänge und Drumcomputer statt Gitarren-Songwriting mit Jazz-Anteilen: Sophie Hunger überrascht ihre Fans mit dem Album „Molecules“.

Berlin hat das Leben der polyglotten Musik-Künstlerin Sophie Hunger verändert. Die Schweizerin konnte und wollte sich dem pulsierenden Club-Leben der Hauptstadt zwar nicht entziehen, hat aber ihre ganz eigene künstlerische Antwort darauf gefunden. Eingebettet in die Sounds von analogen Synthesizern und Drumcomputern geht die Sängerin und Songwriterin, die auch als Filmkomponistin höchst erfolgreich ist, auf ihrem jüngsten Album „Molecules“ auf die Suche nach den Ursprüngen allen Seins und betrachtet das Hier und Jetzt oftmals mit bissig-ironischem Blick.

Das Album „Molecules“ basiert auf einer musikalischen Verwandlung. War diese Veränderung für Sie eine zwingende Entwicklung?

Sophie Hunger: Traditionelles Singer-Songwriting ist es ja noch immer – also Lieder mit Vers und Refrain zwischen drei und vier Minuten. Die Instrumente haben sich eben verändert. Ich habe mich in den USA in einer Ausbildung intensiv mit Computersoftware für Musik beschäftigt. Das war eigentlich der Anfang. Als ich dann zurück nach Europa kam, wollte ich zeigen, was ich da gelernt habe und eine Platte allein am Computer entstehen lassen.

Also durchaus ein klarer Bruch?

Ja, schon. Auch bei den Lied-Texten, die ich ja zuvor in unterschiedlichen Sprachen gesungen hatte. Da wollte ich ganz rigide und dogmatisch sein. Ich habe mich dann auf die vier immer selben Elemente pro Lied festgelegt: Synthesizer, programmierte Beats, Stimme/Gitarre und eben nur eine Sprache: Englisch. Das Album entstand dann ohne eine Band als Monolog in einer selbstgewählten Isolation – wie ein Selbstgespräch im Computer.

„Spannende Instrumente stehen ja nicht im Supermarkt“

Wie wurden sie denn mit dem elektronischen Virus infiziert. Spielte da Ihre Wahlheimat Berlin eine Rolle?

Wenn man in Berlin lebt und sich mit Musik beschäftigt, landet man früher oder später in der Clubszene, denn eine funktionierende Band-Szene gibt es hier nicht. Gleichzeitig war ich auch auf der Spurensuche nach relevanter deutscher Popmusik der vergangenen Jahrzehnte. Da kommt man schnell auf Bands wie Tangerine Dream, den Krautrock und das alles.

Ein Grund, weshalb Sie sich für „Molecules“ so intensiv mit analogen Synthesizern beschäftigt haben?

Wobei das gar nicht so leicht ist, denn die wirkliche spannenden Instrumente stehen ja nicht einfach im Supermarkt. Für die Demos der Lieder habe ich noch Plugins genutzt, bei den Studioaufnahmen in London habe ich mit meinem Produzenten analoge Sounds sogar selbst kreiert. In Fribourg gibt es eine der größten Sammlungen für Synthesizer weltweit. Auch dort haben wir Original-Sounds aufgenommen, immer auf der Suche nach dem besten Oszillator.

Wie entstand der Titel „Molecules“?

Ich habe mich auf dem Weg zum Album intensiv mit dem Teilchenbeschleuniger und weiteren wissenschaftlichen Fragen zur Entstehung des Universums beschäftigt. Was sind die Teile in der Welt und in uns selbst, die sich nicht erfinden lassen? Was sind die Grundbausteine, die man nicht zerstören kann? Woraus besteht alles? Auch der Konstruktivismus hat mich sehr beschäftigt. In den Texten mussten deshalb so viele Substanzen vorkommen, wobei ich dagegen bewusst versucht habe, musikalisch mit möglichst wenigen Informationen zu arbeiten.

Erster Song als „Schocktherapie“

Was denken Sie: Werden die Fans Ihren musikalisch anderen Weg mitgehen? Mit „She Makes President“, dem ersten Stück des Albums, werden sie sofort ohne Umschweife mit Ihren neuen elektronisch pulsierenden Klangwelten konfrontiert.

Ja. Schocktherapie nenne ich das. Ich denke immer: Lieber sofort die schlechte Nachricht bringen und danach wird es immer besser. (lacht) Ich bereite mich aber darauf vor, dass so mancher Fan das Album nicht mögen wird.

Wie wichtig sind Wandlungsprozesse für einen Künstler?

Man kann ja Fragen immer verschieden beantworten. Zum Beispiel könnte man sagen: Metamorphose ist die Grundlage der Kunst. Man kann aber auch sagen, man verwandelt sich, da einem langweilig ist. Man kann sich auch verändern, weil man jemandem gefallen wollte, der immer Techno hört und akustisches Klavier gar nicht gut  findet. Da gibt es wohl mehrere Wahrheiten.

Passend zum Album ist auch die Tournee eine besondere. Sie spielen beispielsweise in München an vier Tagen in vier verschiedenen Clubs. Jeweils mit anderen Programmen?

Wir haben mehr als 30 Lieder im Repertoire und werden mit diesen immer ein wenig spielen. Ich wollte einfach etwas machen, das eigentlich ineffizient ist. Ich fand auch diese Art des Zerstückelns ganz interessant. Und außerdem finde ich es gut, in der Stadt, in der man ist, auch Präsenz zu ­zeigen.

Wie wichtig ist die Form für den Inhalt?

Sie gehören zusammen, sind eine Sache.

Sie sind inzwischen auch eine erfolgreiche Filmmusik-Komponistin. Hat sich das auch auf Ihr Songwriting für das neue Album ausgewirkt?

Man wird schon immer besser und häuft Wissen an. Du hast immer mehr Instrumente zur Verfügung und eine größere Übersicht darüber, was bereits in der Vergangenheit gemacht wurde – einfach mehr Erfahrung.

Gerne politisch - aber immer spielerisch

In Ihren Songs ist auch Raum für politische Spitzen und kleine zynische Momente. Sollte man als Songwriter politisch sein?

Wenn es nicht autoritär wird, kann man das schon machen, finde ich. Aber es gibt natürlich auch Grenzen. Ich arbeite ja nicht für die Tagesthemen. Das Ganze muss schon immer noch ein Spiel und eine Erfindung sein.

„Electropolis“ ist Ihr Song für Berlin. Dürfen die Hörer hier die blaue Stunde nachfühlen?

Ja, schon. Und ich hoffe, dass man auch die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts in Berlin heraushört. Das Klavier wurde ganz ohne Höhen aufgenommen. Mein Ziel war es, dass die Vergangenheit auch noch im Raum ist – also das wahre Electropolis des vergangenen Jahrhunderts.

Ist Berlin immer noch Ihr Lebensmittelpunkt?

Ich habe keinen wirklichen Lebensmittelpunkt, denn ich bin um die 250 Tage im Jahr eine Reisende. Die restlichen Tage bin ich oft in Berlin. Ich habe aber auch in Zürich oder Paris ein Zimmer. Dieses übliche Wohnkonzept hat man als Künstler gar nicht, eher so ein Lotterleben. Schlussendlich landet man bei denen, die auch so leben  und teilt sich mit ihnen auch Wohnungen.

Bei den künstlerischen Nomaden also?

Von denen gibt es in Berlin ja gerade sehr viele, aber ich gehöre zu denen, die auch wirklich künstlerisch hart arbeiten.

Zum neuen Album eine neue Band

Welche Geschichte steckt hinter dem Song „I Opened A Bar“?

Ich dachte, es wäre gut, wenn es einen Ort geben könnte, an dem sich alle Probleme lösen. Nicht nur die der Menschen. Eiswürfel könnten hier glücklich schmelzen und alles könnte sich verwirklichen. Das habe ich dann aus unterschiedlicher Sicht beschrieben. Ich weiß schon jetzt, das ist ein Lied, bei dem in der Zukunft immer wieder Zeilen hinzukommen und andere verschwinden werden. Das Lied ist eigentlich wie diese Bar. Es kommen immer neue Leute und andere gehen wieder weg.

Wie werden Sie die neuen Stücke live umsetzen?

Ich habe eine neue Band zusammengestellt. Wir sind nur vier Leute, aber alle sind Multiinstrumentalisten. Live wird das auch ganz schön anspruchsvoll und durchaus eine Herausforderung. Ich spiele zum Beispiel ein Keyboard, dass nach einem ganz bestimmten klassischen Klavier klingt, dass wir im Vorfeld mehrfach aufgenommen haben. Es gibt auf der Bühne aber auch zwei Synthesizer-Stationen, ich spiele natürlich auch akustische Gitarre und die beiden Keyboarder sind zugleich auch Bläser. Es sind neben dem üblichen Schlagzeug auch elektronische Pads im Spiel, aber wir werden auch alle singen. Es ist also alles sehr, sehr variabel. Noch mehr als man es von mir bereits kennt. Das geht jetzt wirklich ins Extrem.

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Musik für eine Zucchini

Sophie Hunger, bürgerlich Emilie Jeanne-­Sophie Welti, stammt aus Bern und ist Sängerin, Songwriterin, Komponistin von Filmmusik und Schauspielerin. Die 35-Jährige wuchs in der Schweiz, London und Bonn auf und veröffentlichte vor „Molecules“ (Caroline International) fünf Alben, spielte europaweite Tourneen und trat unter anderem bei den Festivals in Montreux und Glastonbury auf.

Als Autorin schrieb sie Kolumnen für „Die Zeit“, in Filmen wie „Der Freund“ und „The Rules of Fire“ zeigte sie ihr Schauspieltalent. Erfolgreich ist sie als Komponistin von Filmmusik. Der Preis für die beste Spielfilm-Musik wurde ihr 2016 in Frankreich vom Festival für Filmmusik „Des Notes et des Toiles“ für „Mein Leben als Zucchini“ zugesprochen. Nominiert war sie mit der Musik dieses mehrfach preisgekrönten Animationsfilms unter anderem für den César 2017 und den Schweizer Filmpreis 2017. Weitere Infos und Tour-Daten unter www.sophiehunger.com.

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