Ulm Singen und spielen gegen Terror und Fremdenhass

Der geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin.
Der geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin. © Foto: dpa
Ulm / DPA 24.12.2015
Gesangsprotest gegen die AfD, Flüchtlinge auf der Bühne, mit Max Frisch gegen Pegida. Wo liegen die Grenzen der künstlerischen Freiheit?

Bochum, Dresden, Mainz, Hamburg - in vielen Städten zeigen Theater in gesellschaftlich angespannten Zeiten starkes Engagement. In Mainz sangen Schauspieler Beethoven gegen eine AfD-Kundgebung. In Dresden protestierte das Theater mit Max Frischs "Graf Öderland" gegen die islam- und fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung. In Dortmund und Bochum machten die Bühnen mit spektakulären Aktionen auf das Leid der Flüchtlinge aufmerksam. Politisch Stellung zu beziehen, sei nicht nur das Recht der Theater, sondern auch ihre Pflicht, meint Rolf Bolwin, geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins.

Wie politisch müssen Theater heute sein, wo Pegida, Terroranschläge und Flüchtlinge die Gesellschaft bewegen - politischer als früher?
ROLF BOLWIN: Politisch ist das Theater in jeder Beziehung, egal ob es sich mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Problemen oder mit solchen des täglichen Lebens auseinandersetzt. Es geht immer darum, sich die Frage nach der eigenen Existenz in Bezug zur Gesellschaft zu stellen. Konkret heißt das: Ob die Terroranschläge in Paris oder der Flüchtlingsstrom - damit muss sich das Theater ebenso befassen wie mit den rechtsradikalen Tendenzen in Europa.

Wenn die öffentlich finanzierten Stadt- oder Staatstheater Flagge zeigen, kommt aber auch schnell Kritik: Dürfen sie sich überhaupt politisch äußern?
Es ist doch das Besondere in Deutschland, dass Institutionen wie Theater oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit öffentlichen Geldern finanziert werden, damit sie frei agieren und sich äußern können. Die öffentliche Finanzierung ist ja dazu da, die Kunst- und Meinungsfreiheit zu sichern. Sie ist sozusagen ein Garant für die Freiheit. Gerade wegen dieser Freiheit sollen und müssen sich die Theater artikulieren.

Kann ein Theater auch mal zu weit gehen? Um die Aufführung von Falk Richters satirischer Anti-AfD-Collage "Fear" gab es Tumulte.
Die Grenze zu ziehen, ist nicht so ganz einfach. Es gibt aber den Grundsatz: Im Zweifel für die Freiheit. Ohne Risiko gibt es keine Freiheit. Ohne etwas zu wagen, auch mal über das Ziel hinauszuschießen, ist das Theater nicht frei.

Wenn Bewegungen wie Pegida radikaler werden, muss dann auch das Theater radikaler werden?
Radikalisierung auf der einen Seite heißt nicht, dass man ähnlich reagieren muss. Das Theater hat viel wirksamere Mittel; denken Sie zum Beispiel an den Gesangsprotest in Mainz. Das Besondere am Theater bleibt aber: Selbst wenn es sich im Rahmen einer Aufführung radikal äußert, bleibt es immer noch ein Spiel. Man darf dieses Spiel nicht mit der Realität verwechseln. Nicht alles, was auf der Bühne geäußert wird, ist die Meinung eines Theaters.

Die Massen kann das Theater aber wohl nicht erreichen ...
Es ist klar, dass es eine bestimmte Klientel ist, die ins Theater geht. Wir erreichen vielleicht bis zu zehn Prozent der Bevölkerung. Aber auch die Medien sorgen für die Verbreitung dessen, was auf der Bühne geschieht. Das Entscheidende ist, dass der Bürger das Gefühl hat: Es gibt Räume in meiner Stadt, die sich mit den wichtigen menschlichen Fragen beschäftigen.

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