Literatur Sina Poussets Debüt „Schwimmen“

Sandra Kolb 16.12.2017

Es ist sein alter Mantel, den Milla heute trägt, das erste Mal seit vielen Jahren. Es sticht, und Milla wird schlecht. Sie liest Jans schiefe Worte auf dem Papier mit ein paar Rissen, bevor der Montagmorgen vor ihren Augen verschwimmt. Einen Moment steht sie still. Sie hält es fest, das unverhoffte bisschen Jan.“

Manchmal ist es nur ein Moment, der ein Leben verändert – davon erzählt Sina Pousset in ihrem Debütroman „Schwimmen“. Es ist ein normaler Montagmorgen in Berlin, Milla ist auf dem Weg zur Arbeit, als sie den Zettel von Jan in der Manteltasche wiederfindet. Jan, ihr bester Freund. Er ertrank im Meer, als er mit Milla und seiner Freundin Kristina in der Bretagne Urlaub machte. Milla und Jan, Jan und Milla: Bereits als Kinder verbrachten sie ihre Ferien in dem Haus in der Bretagne, malten sich ihre Zukunft aus, vergaßen ihre Probleme. Als sie älter waren, zogen sie gemeinsam zum Studieren nach Berlin, die Freiheit genießen. Vier Jahre sind seit Jans Tod vergangen. Vier Jahre, in denen die beiden Frauen versuchten, mit dem Verlust zu leben. Kristina zieht sich in eine Psychiatrie zurück. Milla kümmert sich um Emma, die Tochter von Jan und Kristina. Doch als Milla den alten Zettel in der Hand hält, merkt sie, dass es so nicht weitergehen kann. Kristina muss in Emmas Leben zurück. Und die beiden Frauen müssen die Vergangenheit loslassen. Denn sie werden nie erfahren, wie Jan ums Leben kam, und auch der Leser wird es nicht.

Sina Pousset ist 28 Jahre alt. Ihr Debüt-Roman erzählt von Verlust, Schuld und Trauer, aber auch von Freundschaft, Liebe und Vertrauen. Wie kommt eine junge Frau dazu, eine so tiefgründige, melancholische und poetische Geschichte zu erzählen? „Ich bin noch in einer Lebensphase, in der alles möglich scheint. Ich frage mich, wann der Moment kommt, in dem etwas passiert, dass den Lauf des Lebens verändert. Wann ist der Punkt, an dem das Leben entscheidet, wie es weitergeht?“, sagt Sina Pousset, die als freie Journalistin in Berlin lebt und unter anderem für das SZ-Magazin und Zeit Online schreibt.

Sie wurde in der Nähe von Stuttgart geboren, wuchs in Heidelberg auf. Psychologische Geschichten über Menschen haben sie immer fasziniert. Und so ist es auch kaum verwunderlich, dass sie den Autor Ian McEwan zu ihren Vorbildern zählt. In seinen Romanen gibt es immer „einen Kippmoment, der alles im Leben verändert“, sagt Sina Pousset. Und einen solchen Moment erleben auch ihre Figuren: Milla, Jan und Kristina sind drei Menschen, die sich an der Schwelle zum Erwachsenwerden befinden. Dann stirbt Jan, und das Leben hat entschieden: Kristina wird von Schuldgefühlen zerfressen und schafft es nicht, am Leben ihrer Tochter teilzunehmen. Milla muss Verantwortung übernehmen: „Jeden Morgen steht sie auf und macht genau dort weiter, wo sie aufgehört hat. Weil sie muss. Dabei könnte über Nacht jedes Mal alles auseinanderfallen, so fühlt es sich an.“

Was bleibt, ist Trauer. Sina Pousset gelingt es, diese in knappen, klaren Sätzen spürbar zu machen:  „Weißt du, was dir keiner sagt, wenn jemand stirbt? Es wird nicht besser. Du gewöhnst dich nicht daran, dass jemand tot ist. Du gewöhnst dich nur daran, wie sehr dir jemand fehlen kann.“ Vielleicht gelingt der Autorin  das so gut, weil sie selbst erlebt hat, wie es sich anfühlt, jemanden zu verlieren: „Ich habe gelernt, dass man das Leben nicht planen kann. Man steht auf einem Sprungbrett und springt ab.“

Schwimmen oder untergehen: Milla und Kristina versuchen, gemeinsam an die Oberfläche zu kommen. Davon erzählt die junge Autorin mit einem ganz eigenen Sprachstil, ohne Anführungszeichen und durchgehend in der Gegenwartsform, die den Leser fordert, aber auch eine ganz eigene, poetische Stimmung kreiert. Es ist ein tiefgründiges, beeindruckendes Buch, das Sina Pousset geschrieben hat.