Roman Silvia Bovenschens Vermächtnis

Berlin / Ulrich Rüdenauer 30.06.2018

Das Buch ist zu ihrem Vermächtnis geworden. Ein Märchen mit vielen offenen Fragen. Ein lustiges, trauriges Finale – ganz ohne Pathos und mit ironisch ausgestellter Untergangsstimmung. Ein schwindelndes und Schwindeln machendes Buch: Kurz vor ihrem Tod im Oktober 2017 konnte die Literaturwissenschaftlerin, Essayistin und Romanautorin Silvia Bovenschen „Lug & Trug & Rat & Streben“ beenden.

Wie es sich für diese kluge, mit allen theoretischen Wassern gewaschene Autorin gehört, geriet es zu einem recht verspielten, anspielungsreichen, augenzwinkernden Vermächtnis: Das Rätselhafte ist bei ihr nicht dunkel, sondern funkelnd. In ihrem letzten Roman treten Figuren auf, die an der Gegenwart kein gutes Haar lassen und sich selber ein bisschen abhanden gekommen sind.

Eine davon, Agnes Lupinski, steckt im Liebesschlamassel. Soll sie ihren derzeitigen Verehrer in die Wüste schicken oder heiraten? Ihre betagte Tante Alma scheint über solche Fragen erhaben: Sie erregt sich mehr über die vermaledeite Gegenwart, über den Kulturverfall und die Folgeerscheinung der digitalen Revolution, über den „Terrorverbund von Barbarei und Spitzentechnik“. Besonders gern doziert die verwitwete Alma in Gegenwart ihres kleinen Neffen Max, der die Kaskaden über heutige Erdenbewohner tapfer über sich ergehen lässt.

Max muss nicht von der Hybris des Menschen überzeugt werden: Smartphone und Laptop lässt er generationsuntypisch links liegen; lieber stöbert er in der vollgerümpelten Dachwohnung herum, wo er die eingemotteten Überbleibsel der analogen Welt erforscht. Dieses Forschungsfeld wird allerdings bedroht von einem alten Mann, der die heruntergekommene Wohnung mieten will, und das nicht ohne Grund: Der emeritierte Professor mit dem kinderbuchhaft klingenden Namen Mr. Odino hat eine Vergangenheit, und an die möchte er wieder anknüpfen. Vor langer Zeit hat er Alma den Hof gemacht; nun sucht er aus Nostalgie und wiederentflammter Liebe ihre Nähe.

Wie von der Vergangenheit ist Max auch von der Tierwelt fasziniert. Wenn er mal groß ist, will er ein Wolf sein. Vom Namen Lupinski zum Canis Lupus ist es nicht weit. Und der domestizierte Wolf ist bekanntlich ein Hund, den zivilisatorischen Gegebenheiten angepasst. Der Wolf aber bleibt ungebändigt.

Bovenschen streut kursive Fabelpassagen in ihre Geschichte ein, die auf gewisse Weise der lupinskischen Familienaufstellung gleichen: Nur warnen da zwei alte Wölfe einen jungen davor, sich mit den Menschen einzulassen. Die seien Monster, man müsse sich vor ihnen hüten. Kulturpessimismus ist eben immerzu und überall angebracht; Vorsicht erste Säugetierpflicht. „Lug & Trug & Rat & Streben“ wartet mit allerhand Motiven aus der Trivialliteratur auf, aber Bovenschen versteht sich auf Ironie: Ihre Sprache ist von schöner Kühle und Schärfe, nicht scharfzüngig, aber klar.

Das Unbehagen am Jetzt wird in übertriebener Manier ausgestellt, humorvoll und magisch gebrochen. Etwa bei einem Ausflug ins Dörfchen Mispelheim, das an Muspellsheim aus der nordischen Mythologie gemahnt, feurig-südlicher Gegenpol zum kalten Norden: Verlassene Häuser und tote Fenster erwarten sie dort, zwei alte Raben singen ein Duett aus einer Rossini-Oper, dubiose Gestalten in einer Dorfkneipe liefern sich ein hitziges Redegefecht, in einer Villa am Wegesrand vermischen sich Sagen und Alpträume – ein hinreißendes Kapitel voller Verweise und Zitate. Hier kommen wir Silvia Bovenschen zumindest ein bisschen auf die Schliche: Ihr Gespenstertanz ist ein Ausflug ins kollektiv Unbewusste, eine Enttarnung unserer Mythen und Ängste. Die Gegenwart spiegelt sich im Unheimlichen der Vergangenheit.

Alma träumt am Ende von einem „Schriftgeisterschiff“. Auf so einem Boot wird man auch weiterhin dahingleiten können – trotz allem. Dem Grauen der Welt lässt sich nämlich etwas entgegensetzen, sagt uns Bovenschen: das Denken und die Kunst.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel