Tanzfestival Shechters „Grand Finale“ bei „Ulm Moves!“

Merel Lammers und Erion Kruja von der Londoner Hofesh Shechter Company im überwältigenden „Grand Finale“.
Merel Lammers und Erion Kruja von der Londoner Hofesh Shechter Company im überwältigenden „Grand Finale“. © Foto: Rahi Rezvani
Ulm/London / Claudia Reicherter 17.06.2018
Offene Münder, offene Herzen: Die Weltklasse-Compagnie von Hofesh Shechter gastiert mit „Grand Finale“ im Theater Ulm.

Geschichte? Wird keine erzählt. Klare Linie? Nicht wirklich. Körperspannung? Stellenweise gleich null. Herausragende Solisten? Fehlanzeige. „Grand Finale“ ist weder Tanz noch Theater noch Konzert noch Show. Sondern: all das in Einem. Und das in überwältigender Perfektion.

Am Anfang herrscht vollkommene Dunkelheit. Stille. Dann erhellt ein warmer Lichtkegel die Bühnenmitte. Dort ruht ein monolithischer schwarzer Block. Leise Musik schwillt von irgendwoher ans Ohr. Eine nur schemenhaft auszumachende Figur sinkt vor der Wand schlaff zu Boden, gleitet weg, kaum hat der Zuschauer sie im samten alles einhüllenden Dunkel ausgemacht. Die Wand bricht auf, gibt den Blick auf ein dahinter platziertes kleines Orchester frei.

Plötzlich wimmelt die Bühne vor Tänzern. In Straßenkleidung, Hemd und Hose, Mann und Frau sind zunächst nicht zu unterscheiden. Sie marschieren,  trommeln sich auf die Brust, werden zu Kosaken- und Dabketänzern im Gegenlicht, zum Baum, um den ein anderer gebückt herumschleicht, zu wuselnden Action-Film-Kämpfern. Dazu erfüllt den Raum ein anschwellend donnerndes elektronisches Grollen und Rauschen. Das Live-Orchester, mittels Drehbühne scheinbar unvermittelt hin und herwandernd, spielt mit seinen Geigen, Celli, Zither und Percussion tapfer in getragenem Moll dagegen an.

Aus energiegeladenen Rave-Tänzern werden unversehens Soldaten, die gefallene Kameraden vom Schlachtfeld schleifen – oder sind es Zivilisten, die Familienmitglieder aus den Trümmern einer zerbombten Straße bergen? –, Individuen formieren sich blitzschnell zum Korps, die uniforme Masse wiederum spaltet sich in vier Paare auf, die einander liebkosend wiegen. Doch die Frauen haben alle Körperspannung fahren lassen – die muss man einem Tänzer erstmal austreiben! –, lassen sich von ihren Partnern willenlos in bizarre Posen schieben.

Den Raum flutende Marschmusik peitscht unerbittlich gegen das Live-Requiem an. Kampfgeschrei, Zappeln, Gesang, abrupte Wechsel der Lichtchoreografie. Sieben Wände gleiten auf der Bühne umher, eröffnen immer neue Räume, aus dem Bomben- oder Disconebel tauchen chimärenhaft wechselnde Formationen der zehnköpfigen Tanzcompagnie auf, um ebenso rasch wieder zu verschwinden, sich weiter zu verwandeln. Das lässt an das Leben im anschlagsgebeutelten Tel Aviv denken, wo Shechter einst bei der Batsheva Dance Company tanzte. Aber auch an Gorazde, Sarajevo, Homs, Mossul, Kandahar, Auschwitz . . .

Hofesh Shechter erzählt in „Grand Finale“ nichts Konkretes. Und erklärt dabei die ganze Menschheitsgeschichte. Lässt nichts aus, nicht die Tragödie, nicht das Drama, nicht die Brutalität, nicht den Bombast, noch nicht mal den Kitsch – und hinterlässt damit nichts weniger als offene Münder und offene Herzen.

Nach eineinhalb Stunden hat er die Welt vor uns aufgefächert. Wie sie pulsiert, wie sie den Bach runtergeht. Das hinterlässt nicht das mindeste schlechte Gefühl. Kein Grübeln, keine Schuld, keine Anklage. Nur Überwältigung. Der mit seiner Company in London ansässige, in Jerusalem geborene 43-jährige Choreograf, Musiker und Komponist schafft mit diesem Kaleidoskop aus Bewegung, Licht und Sound, das am Samstag als Teil des 3. Tanzfestivals „Ulm Moves!“ im Theater Ulm zu erleben war, das Beste, was jemand erschaffen kann, der nicht Gott ist. Ein wirklich wahres Gesamtkunstwerk.

Hofesh Shechter geht es darin ums menschliche Überleben im Angesicht der Katastrophe. Der Mensch feiert, kämpft, leidet, trauert, auch wenn die Welt um ihn herum zugrunde geht, tanzt engumschlungen mit der Liebsten und wankt in schwankender Linie mit den andern, die Münder zombiehaft weit aufgerissen, voran. Zwischen Stroboblitzen und Flakfeuer. Und letztlich auch zur Sehnsuchtsoperettenmelodie von Franz Léhar unter sanft herabschwebenden Seifenblasen.

Shechter baut kaum Sprünge und nur wenige Hebungen ein. Die Bewegungen wiederholen sich. Doch hat das 2017 in Paris uraufgeführte Stück keinerlei Längen, da ist keine Sekunde, die nicht in sich perfekt wäre. „Grand Finale“ bildet mit beträchtlichem technischem Aufwand ganz unzweifelhaft den Höhepunkt dieses zehntägigen Tanzfestivals, auch wenn dessen Finale erst einen Tag später ansteht.

Nach überwältigenden 90 Minuten steht der ausverkaufte, 800 Zuschauer fassende Saal sofort geschlossen auf. Alt und Jung, Profi und Laie: alle applaudieren, jubeln unisono. Minutenlang. Holen die zehn Tänzer und sechs Musiker immer und immer wieder an den Bühnenrand zurück. So etwas hat Ulm noch nicht gesehen.

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