Oper Sex & Crime und süßer Wohlklang

Famos: Kate Lindsey (Nerone), Sonya Yoncheva (Poppea).
Famos: Kate Lindsey (Nerone), Sonya Yoncheva (Poppea). © Foto: Salzburger Festspiele / Maarten Vanden Abeele
Salzburg / Otto Paul Burkhardt 14.08.2018

Machtgier, Mordpläne, Sex & Crime – und das alles zu kristallklar leuchtender, sphärischer Musik. Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ feierte Premiere bei den Festspielen, inszeniert von Jan Lauwers, der vielen Theaterfans seit langem als Kopf der Performancetruppe Needcompany bekannt sein dürfte. Es ist Lauwers‘ erste Opernregie, und seine Verpflichtung war ein erneuter Risiko-Coup des Intendanten Markus Hinterhäuser. Lauwers erzählt die Geschichte von Kaiser Nerone und dessen Geliebter Poppea, eines eklatant fiesen Herrscherpaars, denn auch erwartbar anders – nämlich als kollektive Interaktion von Gesang, Musik, Tanz und Theater.

Alle Mitwirkenden, auch die historisch informiert aufspielenden Musiker der Barock-Combo Les Arts Florissants, sind auf der Bühne präsent, bilden ein bewegtes Miteinander. Sämtliche Intrigen, mit denen die machtgeilen Royals ihre Gegner aus dem Weg räumen, finden auf einem gewaltigen Totenberg statt, sprich: auf einem riesigen Bodengemälde, das an die Horror-Szenarien eines Hieronymus Bosch erinnert.

Die Darsteller, klar, gehen so über Leichen, und obendrein lässt Lauwers das Geschehen ständig durch tänzerische Aktionen assoziativ bebildern. Die Götter sind bei ihm schwerversehrte, kaum bewegungsfähige Randfiguren mit Krücken, schutzbedürftig und unfähig, einzugreifen. Inmitten dieses moralverachtenden Treibens dreht sich auch noch dauernd ein Tänzer zum Schwindligwerden um die eigene Achse, bis der nächste kommt und ihn ablöst.

Doch dieses Bild, mit dem Lauwers auf die trostlose Egomanie auch heutiger Gesellschaften verweisen will, nutzt sich ab und nervt zusehends. Dennoch schafft es Lauwers, von Machtgier und sinnlichem Begehren zu erzählen, ohne gleich die Moralkeule zu schwingen. Sein nicht ganz neuer Trick, Kaiser Nerone mit einer Frau zu besetzen, soll zudem Gender-Klischees vermeiden. 

So wirkt Lauwers‘ Regie wie ein Kolossalgemälde, klug konzipiert, barock bebildert, zeitlos kritisch – aber auch, trotz allen Gewusels, ein bisschen statisch, wie eine Edel-Szenerie, die leerläuft. Famos dagegen die sängerischen Leistungen, vor allem Sonya Yoncheva als Poppea mit sinnlich gefärbten Kantilenen und viel chromatischer Süße, aber auch Kate Lindsey (Nerone) und Stéphanie d’Oustrac (Ottavia) ragen hier heraus.

William Christie lässt seinen Musikern, die von den Tänzern auch schon mal bizarre Hüte aufgesetzt bekommen, vom Cembalo aus viel Freiheit für emotional dichtes Spiel. Fazit: eine böse Geschichte, mit Bilderlust erzählt und wunderschön gesungen. Ein paar Buhs für die Regie, ansonsten starker, kurzer Beifall.

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