Selbst die Götter sind längst korrumpiert

Beeindruckend: Aglaja Stadelmann in der Doppelrolle als Shen Te/Shui Ta in "Der gute Mensch von Sezuan" am Theater Ulm. Foto: Martin Kaufhold
Beeindruckend: Aglaja Stadelmann in der Doppelrolle als Shen Te/Shui Ta in "Der gute Mensch von Sezuan" am Theater Ulm. Foto: Martin Kaufhold
MAGDI ABOUL-KHEIR 14.04.2014
Kann der Mensch gut sein? Fragt Brecht in "Der gute Mensch von Sezuan". Gut ist gewiss Antje Schupps Inszenierung am Theater Ulm.

"Wer kennt das Stück?", will der Schauspieler Raphael Westermeier vom Publikum zu Beginn der Aufführung von "Der gute Mensch von Sezuan" wissen. Im Theater Ulm heben viele die Hand. "Und wer findet es gut?" Deutlich weniger melden sich. Er hätte am Schluss erneut fragen sollen. Diese Aufführung zumindest fanden viele großartig.

Regisseurin Antje Schupp arbeitet sich an Bertolt Brechts Parabelstück in Werkstatt-Atmosphäre ab. Scheinwerfer-Reihen, offene Hinterbühne: klar, Theater! Ein "G" und ein "T" stehen als Gerüste herum - für das Gute fehlt in der Welt aber mehr als nur ein Vokal.

Einen guten Menschen nämlich suchen drei Götter. Finden sie einen solchen, darf die Welt bleiben, wie sie ist. Die Götter kommen nach Sezuan. Nur die weichherzige Prostituierte Shen Te gewährt ihnen Unterkunft. Von ihrer Belohnung kauft sie einen Tabakladen. Worauf sie von Bekannten bedrängt wird: alles Schmarotzer, Lügner, Erpresser. Um sich zu wehren, gibt sich Shen Te als ihr hartherziger Vetter Shui Ta aus. Zwar verliebt sie sich in den Piloten Yang Sun, aber auch der ist nur auf ihr Geld aus. Schließlich baut sie als Shui Ta eine Tabakfabrik auf, aber da Shen Te verschwunden ist, landet er/sie vor dem - göttlichen - Gericht. Den Göttern ist das freilich alles zu viel, sie entschweben. Und lassen die Welt, wie sie ist.

Die Inszenierung spielt im Überall und Heute und setzt erstmal auf viele beliebte Verfremdungseffekte aus Brechts epischem Theater: Einblendungen, Songs, Sprünge, deklamierendes Sprechen. Die Zwischenspiele sind hier Videofilmchen.

Schupp geht aber darüber hinaus, verfremdet das Verfremdungstheater. Der berühmte Satz am Ende - "Der Vorhang zu und alle Fragen offen" - fehlt, denn man darf sich durchaus fragen, ob für Brecht selbst überhaupt Fragen offen waren. Was liegt nun an den kapitalistischen "Verhältnissen", was am Menschen selbst? Die Schauspieler fragen ins Publikum: Wer hält sich für einen guten Menschen? Was ist das "Gute" überhaupt? Kann nicht auch ein schlechter Mensch ein gutes Leben führen? Ach, selbst die Götter sind hier korrumpiert und machen Zigaretten-Werbung.

Schupp verhindert drohende Brecht-Routine also mit Brechtscher Dialektik. Man könnte sagen: Sie treibt Brecht mit Brecht aus - oder sie hat Spaß mit ihm. Sie steigert das Rollenwechseln ins ulkige Extrem, nimmt sich textliche Freiheiten und lässt die Schauspieler damit kokettieren. Auch Paul Dessaus Musik wird durchaus interpretiert.

Das Ensemble spielt auf hohem Energielevel drei Stunden durch. Aglaja Stadelmann nimmt man die Zerrissenheit von Shen Te/Shui Ta jederzeit ab. Auch die anderen Akteure wechseln, in multiplen Rollen, virtuos die Ebenen zwischen Spiel, Spiel im Spiel und angeblich keinem Spiel. Vitales Theater, stringent und kurzweilig erzählt.

Info Wieder am 23. und 27. April sowie am 2., 7., 10., 13. und 16. Mai. Karten: 0731/161 44 44.

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