Stuttgart Sein Lied ging um die Welt

Das NS-Regime setzte der Karriere Joseph Schmidts ein jähes Ende. Foto: Joseph Schmidt-Archiv Oberdürnten
Das NS-Regime setzte der Karriere Joseph Schmidts ein jähes Ende. Foto: Joseph Schmidt-Archiv Oberdürnten
Stuttgart / JÜRGEN KANOLD 19.01.2013
Seine Schallplatten machten ihn weltberühmt: Der jüdische Tenor Joseph Schmidt war in den 30er Jahren ein Superstar - und starb 1942 in einem Internierungslager in der Schweiz. Eine Ausstellung in Stuttgart.

"Heut ist der schönste Tag in meinem Leben!", schmettert der Tenor in mitreißender Unbeschwertheit. Das Orchester jubelt lautstark, und Joseph Schmidt verkündet im Marsch-Rhythmus unerschütterlich: "Heute denk ich nicht an morgen, heute gibt es keine Sorgen." Aus dem Jahre 1935 stammt die Aufnahme. So stellt man sich einen Schlager fürs deutsche Volk vor, wie ihn die Nationalsozialisten damals liebten, während sie ihre Konzentrationslager ausbauten.

Aber der da singt, Joseph Schmidt, der war Jude und längst aus dem Land gejagt - vorerst nach Österreich. Und das war nur der Anfang einer Flucht durch ganz Europa. Die Weltkarriere jenes Tenors, dessen Stimme die Herzen von Millionen bewegte, der noch 1937 in der New Yorker Carnegie Hall aufgetreten war, starb am 14. November 1942 heimatlos als Emigrant, körperlich geschwächt, ohne Arbeitserlaubnis mit nur 38 Jahren an Herzversagen in einem Schweizer Internierungslager. "Heut ist der schönste Tag in meinem Leben!" - wer Schmidts Lied heute hört, den fröstelt angesichts eines tragischen Schicksals.

Man nannte ihn einen "Caruso im Taschenformat". Aber nicht, weil dieser Joseph Schmidt mühsam einer Legende nacheiferte. Sondern weil dieser Sänger mit 1,58 Meter von kleiner Statur war und ihm die Opernkarriere verwehrt blieb. Nur einmal, als Rodolfo in Puccinis "La Bohème", stand er 1939 in einer belgischen Produktion im Kostüm auf der Bühne. Doch seine Radiokonzerte und Schallplatten machten ihn berühmt. Tatsächlich war Schmidt einer der großartigsten Tenöre des 20. Jahrhundert - was Tonträger den Nachgeborenen belegen.

Das dokumentiert nicht zuletzt eine wunderbare CD mit akustisch fein restaurierten Aufnahmen von Arien und Liedern, die der Schweizer Alfred A. Fassbind seiner Biografie "Joseph Schmidt - Sein Lied ging um die Welt" beigelegt hat. Von der Bildnisarie des Tamino aus Mozarts "Zauberflöte und "Glück, das mir verblieb" aus Korngolds Oper "Die tote Stadt" bis zu Schlagern wie "Ein Stern fällt vom Himmel": Schmidt singt mit einem leuchtenden, kernigen, charmanten, inbrünstigen Tenor.

Fassbind ist Gründer des Joseph-Schmidt-Archivs in Dürnten bei Zürich und Verwalter des Sängernachlasses. Zusammen mit dem Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg hat er eine Ausstellung erarbeitet, die mit Briefen, Fotos, Filmplakaten, Ton- und Bildaufnahmen und auch persönlichen Gegenständen Schmidts dessen Leben und Wirken nacherzählt. Das Haus der Heimat erinnert auch an die Bukowina, jene Provinz im östlichen Mitteleuropa, die zu Österreich-Ungarn gehörte, dann 1918 zu Rumänien kam und im Zweiten Weltkrieg blutiger Schauplatz der Machtkämpfe und der Rassenpolitik von Hitler-Deutschland und Stalins Sowjetunion wurde. Die Hauptstadt Czernowitz mit seiner ehemals blühenden deutsch-jüdischen Kultur, die Stadt auch Paul Celans und Rose Ausländers, findet sich heute in der Ukraine. In dem Dorf Davideny bei Czernowitz kam Joseph Schmidt am 4. März 1904 als Sohn einer orthodoxen jüdischen Familie zur Welt. Schon als Kind war der "singende Joschi" populär, er war Solist im Tempelchor von Czernowitz, wurde zum Kantor ausgebildet. 1925/26 studierte er Gesang in Berlin, sang 1930 erstmals in der Berliner Philharmonie und hatte 1931 sein Filmdebüt in "Der Liebesexpress". Eine atemraubende Laufbahn, in den frühen 1930er Jahren war Joseph Schmidt der meistgehörte Sänger in Deutschland - auch der Süddeutsche Rundfunk in Stuttgart strahlte ein Unterhaltungskonzert mit ihm aus.

Joseph Goebbels verehrte die Stimme dieses Tenors mit dem deutschen Allerweltsnamen und hätte ihn am liebsten zum "Ehrenarier" ernannt, doch der gläubige Schmidt war nicht käuflich. Am 9. Mai 1933 hatte sein Film "Ein Lied geht um die Welt" in Berlin Premiere, anderntags verleumdete der "Völkische Beobachter" den Triumph des Juden: "Der Gleichschritt der Millionen Braunhemden wird mit seinem Lied ,Die Straße frei den braunen Bataillonen erkennen lassen, welche Töne in Deutschland angeschlagen werden müssen!"

Aber Lieder, die wirklich um die Welt gehen und bleiben, hat Joseph Schmidt gesungen.