Die Tribüne der Bregenzer Festspiele füllt sich langsam: "Turandot" an einem wunderbaren Sommerabend. Aber wo spielt eigentlich das Orchester? Nicht auf der Chinesischen Mauer oder sonstwo versteckt in der Kulisse. Und auch nicht unter Wasser. Die Wiener Symphoniker sitzen vielmehr gegenüber, drinnen im Festspielhaus - die Zuschauer werden durch eine phänomenale Sound-Anlage beschallt. Man sieht das Orchester und den Dirigenten zumindest an den Seiten auf zwei riesigen Video-Schirmen: alles live.

Jetzt aber, eine gute Stunde vor der Aufführung, kommt Paolo Carignani noch schnell in die Presselounge. "Hallo!" Der Italiener im rot-weißen Trikot tritt so sportlich-fröhlich auf, als könnte er auch ein Interview zum Giro d'Italia führen. Carignani, 53, ist tatsächlich ein begeisterter Radfahrer. Aber jetzt geht's zunächst nicht um Alpengipfel, sondern um andere Höchstleistungen: "Turandot" zu dirigieren. Was er übrigens bald auch an der New Yorker Metropolitan Opera tut.

Tolles Wetter für Freilichtoper, aber Sie müssen jetzt gleich rein ins Festspielhaus - ein komisches Gefühl?

PAOLO CARIGNANI: Die Zuschauer in meinem Rücken vermisse ich schon. Es ist wie im Studio. Aber das Orchester spielt im Festspielhaus sicherlich besser als draußen, weil sich die Musiker auch besser fühlen. Wir haben eine Klimaanlage und sind geschützt, wenn es regnet.

Wie halten Sie Kontakt zu den Sängern auf der Seebühne?

CARIGNANI: Ich atme eigentlich mit den Sängern, sie können meinen Atem spüren, ja hören. Das ist hier anders, aber die Sänger sehen mich auf Monitoren dirigieren. Und wir haben einen Monat lang intensiv geprobt, damit sich Musik und Bewegung zusammen entwickeln. Das alles muss im Körper abgespeichert sein. Trotzdem, es gehört zum Beruf des Operndirigenten, mit allen Bedingungen und Situationen zurechtzukommen.

Sie stammen aus der Verdi-Stadt Mailand - und wie ist Ihr Verhältnis zu Puccini?

CARIGNANI: Meine erste Platte war "La Bohème" mit Mirella Freni und Nicolai Gedda, ich konnte damals gar nicht mehr aufhören, diese Musik zu hören. Sie ergreift einen, berührt einen körperlich.

Was entgegnen Sie Opernfans, die sagen, Puccini sei maßlos kitschig?

CARIGNANI: Ich kenne die Vorurteile. Als ich Generalmusikdirektor in Frankfurt war, in der Stadt der analytischen "Frankfurter Schule", wo Theodor W. Adorno lehrte, wo Michael Gielen einer meiner Vorgänger war, da war Puccini zunächst verpönt. Natürlich kann Puccini sentimental klingen, aber das ist auch eine Frage der Interpretation. Man muss die Farben nicht mit großem Pinsel auftragen.

Wie italienisch dirigieren Sie?

CARIGNANI: Natürlich werde ich international als italienischer Dirigent fürs italienische Repertoire engagiert. Aber in Frankfurt habe ich auch sehr viel moderne Klassiker und Zeitgenössisches gemacht. Wer "Wozzeck" oder "Lulu" von Alban Berg aufführt, sieht die Partitur auch von Puccinis "Turandot" mit anderen Augen, nähert sich dieser Musik analytisch.

Was sind die schönsten Klischees, die in Deutschland über Italiener gepflegt werden?

CARIGNANI: Italiener sind leidenschaftlich, vollblütig, ein bisschen hitzköpfig, haben aber Charme. Der Direktor der Frankfurter Oper aber sagte damals zu mir: "Alle denken, dass Italiener so sind, doch ich habe Paolo Carignani kennengelernt, er kann auch so präzise sein wie ein Schweizer." Wenn ich die Struktur eines Werks nicht im Kopf habe, kann ich es nicht dirigieren. Nach der Analyse und mit präzisem Spiel können sich musikalische Gefühle jedoch viel besser entfalten. Schöne Melodien sind nicht alles, sie wirken stärker, wenn auch das Orchester eine Spannung aufgebaut hat.

Dann müsste Arturo Toscanini ein großes Vorbild von Ihnen sein?

CARIGNANI: Schon. Aber er war oft gnadenlos. Er musste wohl zu seiner Zeit konsequent gegen die Schlamperei im Orchester antreten.

Braucht man eigentlich viel Kondition fürs Dirigieren - Wagners "Götterdämmerung" dauert fünf Stunden?

CARIGNANI: Schon, aber man sieht auch unheimlich agile alte Dirigenten, die nicht sportlich sind. Die Musik macht sie stark. Rossinis "Guillaume Tell" dauert übrigens auch so lange wie die "Götterdämmerung", ist aber viel anstrengender wegen der vielen Rezitative und wegen der vielen Tempowechsel. Da muss man sehr flexibel dirigieren, die Leichtigkeit bewahren.

Sie halten sich mit Fahrradfahren fit?

CARIGNANI: Ja, heute nach der Vorstellung fahre ich heim ins Unterengadin, in gut zwei Stunden bin ich zu Hause und mache morgen mit Freunden eine Mountainbike-Tour: durch die d'Uina-Schlucht. Ziemlich aufregend, es geht da neben dem Weg 800 Meter steil bergab. Ein Auto ist nicht so wichtig für mich, ein Fiat Panda mit Vierradantrieb reicht, ich kaufe mir lieber ein schönes Rennrad von Pinarello.

Können Sie richtig abschalten von der Musik?

CARIGNANI: Schwer. Nach jeder Vorstellung kann ich schlecht einschlafen. Besonders schlimm ist es, wenn ich ein neues Werk einstudiere, das geht dann nicht mehr aus dem Kopf. Ich muss andere Musik hören, Jazz geht gut, von Bill Evans. Da bin ich ein großer Fan.

Was bedeutet Urlaub für Sie?

CARIGNANI: Ich habe ein Haus in den Marken, dort mache ich nach der Bregenzer Zeit zwei Wochen Ferien, fahre mit Freunden viel Rad, koche, schwimme. Dann geht's wieder los. Ich bin frei, geschieden, ohne Kinder. Ich arbeite in den schönsten Städten der Welt: Im Herbst fliege ich nach New York und dirigiere an der Metropolitan Opera - neben "La Bohème" wieder "Turandot".

Eine Puccini-Oper kann ein Klangbad sein. Aber springen Sie auch mal in den Bodensee?

CARIGNANI: Ich gehe lieber ins Strandbad mit dem 50-Meter-Becken. Es reicht mir nicht, einfach zu schwimmen. Ich will wissen, welche Strecke ich zurücklege, mit welcher Durchschnittsgeschwindigkeit. Struktur ist mir wichtig, auch beim Schwimmen - ein genaues Arbeiten wie bei der Musik.

Bregenz und New York

Zur Person Paolo Carignani, 1961 in Mailand geboren, gehört zu den gefragten Operndirigenten dieser Welt. Er war von 1999 bis 2008 Generalmusikdirektor in Frankfurt und gastiert an den großen Häusern: London, Wien, München. In Bregenz leitet er (noch bis 23. August) auf der Seebühne Puccinis "Turandot" - diese Oper dirigiert er dann auch bald an der New Yorker Met (zu erleben live in deutschen Kinos am 30. Januar).