Das muss einfach sein. Wenigstens eines der beiden auch jedem „normalen“ Touristen vom Titel her bekannten Literaturstücke ist immer wieder Pflicht für Berliner Bühnen: Brechts „Dreigroschenoper“ und Döblins „Berlin Alexanderplatz“, fast zur gleichen Zeit Ende der 20er-Jahre erschienen und seitdem Welt-Hits. Die „Dreigroschenoper“ füllt seit Jahr und Tag die Kassen des Berliner Ensembles mit einer optisch extravaganten Art-Deco-Inszenierung von Robert Wilson. Und jetzt legt sich am Deutschen Theater Sebastian Hartmann, grell in der Art von Frank Castorf, mit Döblins episch ausuferndem Montage-Sittenbild „Berlin Alexanderplatz“ an.

Touristenfreundlich freilich ist Hartmanns auf einige Episoden des immens zeitkritischen Berlin-Panoramas konzentrierter Extrakt keineswegs. Im Gegenteil. Anstrengende Kost. Die Bühne karge Op-Art. Gitterförmige Neonstab-Batterien blenden brutal ins Publikum Dazu lärmt Techno-Musik, beides vom Regisseur selbst fabriziert, mit gesundheitsbedrohlichem Wumm-Wumm-Bass in Disco-Überlautstärke.

Den Darstellern aber kann dies nichts anhaben, sie berlinern, was das Zeug hält, ein kesses  Otto-Reutter-Couplet inklusive. Das hat als sprunghafte Collage frappante Dada-Qualitäten. Was Döblin hochartifiziell als vielschichtige  Großstadtsprache erfunden hat, das wird bei Hartmann zur Folie für ebenfalls Neues: eine rhapsodische Erzählstruktur, die alles offen lässt und auf jede Milieu-Illustrierung verzichtet. Den naiv hellsichtigen Ex-Knacki Franz Biberkopf spielt Andreas Döhler nicht nur in seiner jippeligen Notgeilheit, frisch aus dem Knast entlassen, unheimlich komisch. Bis man dann schnell merkt, dass es dem Heimkehrer mehr um den Tod als ums (Über-)Leben geht.

Je heller die Neonstäbe leuchten, desto dichter und intensiver formiert sich das Reich der Finsternis um Alfred Döblins verlorene Grenzgänger in einer nur immer von einem besseren Leben träumenden  Halbwelt. Das Ganoven-Thema, es ist das gleiche wie in Brechts „Dreigroschenoper“. Bloß, dass sich hier die Frauen energischer und gewitzter zur Wehr setzen oder gleich zu symbolischen Todesengeln mutieren.

Die Neonstäbe formieren sich zum Christus-Kreuz. Und als Schmerzensmann quert stumm ein Nackter die leere Bühne. Franz Biberkopf, aber auch Hiob. Der Schlachthof eine schwarzweiße Graphic-Novel auf  riesigen Video-Wänden. Da, so könnte man meinen, schlägt zwischen zwei Weltkriegen das Herz aller Berliner Dinge.