Literatur Science Fiction: Vordenker des Möglichen

Frank Schätzing ist nah dran an den Ängsten der Menschen.
Frank Schätzing ist nah dran an den Ängsten der Menschen. © Foto: Marius Becker/dpa
Stuttgart / Christoph A. Schmidberger 06.08.2018

Zur Präsentation seines Bestsellers  „Die Tyrannei des Schmetterlings“ ließ sich der Autor Frank Schätzing etwas Besonderes einfallen. Im Musical Dome in Köln las er nicht nur Passagen aus dem Text, sondern kommunizierte immer wieder mit der nicht-menschlichen Antagonistin, der künstlichen Intelligenz (KI) ARES, Schauspielerin Nora von Waldstätten.

Im Buch ist ARES die vielleicht größte Bedrohung der Menschheit. Und damit ist Schätzing, wie seine ebenfalls Science Fiction schreibenden Kollegen Andreas Brandhorst, Andreas Eschbach oder Dietmar Dath, nah dran an dem, was die Menschen bewegt: an den Unsicherheiten und Ängsten in Zeiten von Digitalisierung.

Was bei ihm noch Flirt mit dem Unbekannten ist, könnte morgen seine berufliche Existenz bedrohen. Das Stuttgarter Unternehmen AX Semantics stellt schon jetzt eine Software zur Verfügung, die Content aus Daten schreibt, und die soll sich laut Chief Visionary Officer Frank Feulner bald so einfach wie Word bedienen lassen.

Trotz der Relevanz nimmt die Science Fiction in den Regalen großer Buchhandlungen meist einen Nischenplatz ein, auch wenn das Genre inzwischen verspäteten Einzug in die Feuilletons gefunden hat. Ganz anders die Lage auf der Leinwand:  Fast kein Kino-Blockbuster kommt ohne Science Fiction aus, seien es nun Superheldenfilme aus dem Hause Marvel oder Streifen wie „Arrival“ oder „Blade Runner 2049“. Im TV und auf Streaming-Portalen laufen erfolgreich Serien wie „Westworld“, „Electric Dreams“ oder „The Orville“.

Meist überwiegt das dystopische Element. Aus der Furcht vor unmenschlichen Fehlentwicklungen lässt sich eben mehr Spannung erzeugen als durch Idyllen und Wolkenkuckucksheime. Keine neue Erkenntnis für Schriftsteller wie Andreas Brandhorst, der selbst Konsequenzen für seinen kreativen Beruf befürchtet. In seinem Roman „Das Erwachen“ hat er sich wie Frank Schätzing mit den Gefahren künstlicher Intelligenz auseinandergesetzt: „Es gibt bereits erste von KIs geschriebene Romane, und so krude sie auch noch sein mögen: In zehn, fünfzehn Jahren wird es von Künstlicher Intelligenz verfasste Bestseller geben.“

Schriftsteller als Schnittstelle

Im April hielt Brandhorst zu diesem Thema  bei IBM in München einen Vortrag und diskutierte mit Wirtschaftsgestaltern, wie auch schon im Februar bei der Podiumsdiskussion anlässlich der Eröffnung der „Arena 2036“ in Stuttgart. Eine bemerkenswerte Rolle, die Schriftsteller im komplexen Gefüge unserer Gesellschaft spielen: „Wir sehen, wenn wir die Dinge aus dem richtigen Blickwinkel betrachten, das große Bild und nicht nur die einzelnen Teile, aus denen es besteht“. ­Brandhorst charakterisiert so den in die Zukunft gerichteten Blick der Science-Fiction-Autoren, um „die allgemeinen und technologischen Entwicklungen genau im Auge zu behalten“.

Wo der klassische Literat oft als mahnendes Gewissen, als Sachwalter der Vergangenheit auftritt, kommt Autoren ernsthafter Science Fiction eine Funktion als Vordenker des Möglichen und als Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Literatur und Leser zu. Falls Schätzing eines Tages als Schriftsteller ausgedient haben sollte, könnte das aber auch an ermüdender Weitschweifigkeit und einem durch betonte Lässigkeit aufgesetzt wirkenden Stil liegen, so wie er es mit „Die Tyrannei des Schmetterlings“ wieder demonstriert hat.

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