Stuttgart Schrill, albern und ein Riesenspaß: Babymetal aus Japan

Sehen relativ harmlos aus, aber so hören sie sich nicht an: Babymetal.
Sehen relativ harmlos aus, aber so hören sie sich nicht an: Babymetal. © Foto: Musiccircus
Stuttgart / MAGDI ABOUL-KHEIR 10.06.2016
Schulmädchen-Fantasy-Ästhetik trifft auf knüppelharten Rock: so etwas wie Babymetal aus Japan kann eigentlich gar nicht funktionieren – tut es aber.

Es beginnt wie ein Märchen: „A long time ago…“ Drei niedliche, zierliche Japanerinnen erscheinen winkend auf der Bühne, in Röckchen, mit Zöpfen und Blumenspangen. Märchenhaft eben – fast: „A long time ago in a heavy metal galaxy…“ Dann tost es los. Gitarren-Attacken, Bass-Böller und Schlagzeug-Salven verwandeln das LKA in Stuttgart in ein Tollhaus.  „Der Hammer“, ruft Sina und hüpft im Publikum los, „der Hammer!“

Sina ist 14, kommt aus Ulm, die Mutter ist Japanerin, der Vater Deutscher – und dass sie Babymetal tatsächlich live in Deutschland sehen kann, ist das Größte. In Japan sind Babymetal Superstars, nun erobern sie den Rest der Rockwelt.

Schwarz-rot-goldig ist das Outfit der Drei, ein Mix zwischen Manga-Look, Fantasy-Prinzessin und Schulmädchen-Uniform.  Su-Metal, YuiMetal und MoaMetal nennen sich die Drei, eigentlich heißen sie Suzuka Nakamoto, Yui Mizuno und Moa Kikuchi und sind 18 respektive 16 Jahre alt. „Die sehen gut aus, können singen und tanzen“, findet Sina. Das Erfolgsgeheimnis sei die „Kombination aus süß und cool“.

Die Stimmen sind eher hoch – umso stärker ist der Kontrast zur Musik.  Das Plattenlabel  nennt den Stil „Kawaii Metal“, eine Symbiose von J-Pop-Idol-Musik und Heavy Metal. Tasächlich ist die Mucke knüppelhart: Die vier Mann der Band – gekalkte Gesichter, weiße Umhänge – sehen nicht nur aus wie einem Horror-B-Film der 80er entsprungen, sondern machen auch musikalisch keine Gefangenen. Sie schrubben und schreddern, was das Zeug hält. Manche Melodien mögen wie der Titelsong einer Kinder-Serie klingen, aber eben auf Speed oder Death Metal. Kuschelrock ist das nicht, höchstens Kettensägenkuschelrock: Mädchencharme aus der Marilyn-Manson-Gruft.

Angefangen haben Babymetal tatsächlich früh: Seit 2010 gibt es die Band. 2013 spielte sie erstmals außerhalb Japans, 2014 folgte die erste Welttour, jetzt sind sie wieder unterwegs, mit sechs Stationen in Europa. Kürzlich haben sie die Londoner Wembley-Arena gefüllt.

Die Kfz-Kennzeichen rund ums LKA sind aussagekräftig: Auch aus Österreich, der Schweiz, Frankreich sind Fans da.  1400 füllen die Halle, die Stimmung ist euphorisch. Außer Sina sind nur wenige Teenies zu sehen, veritable Metalfans stellen die Mehrheit. Die japanischstämmige Bevölkerung ist in stattlicher Zahl vertreten, und neben Typen in Rock-Shirts und schwarzen Kutten sieht man etliche Manga-Ladys.

Die Band habe einen Keil in die Metal-Gemeinde getrieben, schreibt das Musikmagazin „Metalhammer“, manche Hardliner fänden das Produkt zu künstlich. Doch schon das Debütalbum „Babymetal“ hatte es vor zwei Jahren auf Platz eins der amerikanischen iTunes-Metal- und Rockcharts geschafft. In diesem Jahr ist der zweite Longplayer „Metal Resistance“ herausgekommen. „Metalhammer“ urteilt amüsiert: „Ist das irgendwie albern? Definitiv! Macht das richtig viel Spaß? Aber holla!“ Und genau so ist es.

Die Songs heißen „Head Bangeeeeerrrrr!!!!!“ (mit fünf Ausrufezeichen), „Karate“, „Uki Uki Midnight“ und „Ijime, Dame, Zettai“, in etwa: „Nie wieder Schikane“.  „Megitsune“ bedeutet Füchsin, eine solche ist das Band-Maskottchen – der Hardrock-Gruß mit den drei abgespritzen Fingen wird für Babymetal zum Fuchs-Zeichen abgeändert.

Die Texte sind in dem Metal-Gewitter kaum zu verstehen, offenbar selbst, wenn man des Japanischen mächtig ist. „In den Liedern geht’s meist um so Mädchenzeug“, weiß Sina aber. Der größte Hit der Band, „Gimme Chocolate!!“ (mit zwei Ausrufezeichen), dreht sich etwa um ein Girl, das gern Schokolade isst, aber Angst hat, dick zu werden. Und „Doki Doki Morning“ handelt vom typischen hektischen Morgen eines Mädchens. „Die Texte machen nicht immer unbedingt Sinn“, räumt Sina ein. Und typisch japanisch sei die Band auch nicht: „Eigentlich sind die zu ausgeflippt.“ Sina hat ihrem Vater versprechen müssen, dass sie nicht zu wild headbangt.

Das fällt ihr dann doch schwer, so wie Su-Metal, YuiMetal und MoaMetal den Fans einheizen. Die englischen Ansagen beschränken sie auf „Are you ready?“ und „Everybody clap your hands!“, aber das genügt. Gegen Ende erscheinen sie in schwarzen Umhängen wie die netten Hexen von nebenan. Die Kostüme machen ihre schweißtreibenden Choreos noch heftiger. Daher ist dann auch nach einer guten Stunde Schluss. Am Ende meint man sogar, ein paar deutsche Brocken zu vernehmen, „Bis zum nächsten Mal, passt auf euch auf“, aber das kann eine Sinnestäuschung sein.

Auf jeden Fall ist der Spuk früh vorbei. Womöglich Jugendschutz. Die Frage ist nur, ob man die Jugend schützen muss oder die anderen vor dieser Jugend. Aber das ist wohl egal, wenn es so viel harmlosen Spaß macht wie Babymetal.

Stars als Fans

Rock-Szene Babymetal gelten in der Metal-Szene als cool – das beste Indiz dafür ist, dass sich Rock-Stars als Fans outen. Das begann 2013 mit Metallica und Slayer, und auch gemeinsame Fotos mit Bands und Größen wie Slipknot, Skrillex, Marilyn Manson, Megadeth, Judas Priest und Anthrax sprechen für den Coolness-Faktor von Babymetal. Lady Gaga verpflichtete die Japanerinnen 2014 sogar als Vorband.

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