Lebensbeichte Schloss-Parkett erzählt Krimi aus dem 19. Jahrhundert

Bekenntnisse eines Schreiners. Foto: Vincent Ollivier/Chateau de Picomtal
Bekenntnisse eines Schreiners. Foto: Vincent Ollivier/Chateau de Picomtal © Foto: Vincent Ollivier
Picomtal / Von Ronja Bauer, dpa 06.07.2018

Ein Geheimnis belastete den Schreiner Joachim Martin so schwer, dass er es schließlich dem Holzboden eines Schlosses im Südosten Frankreichs anvertraute.

„1868 ging ich um Mitternacht an einem Stall vorbei. Ich hörte Stöhnen. Es war die Mätresse meines Kindheitsfreundes, und sie bekam ein Baby.“ Dann passierte etwas, das den Mann anscheinend auch Jahre später noch beschäftigte.

Der damals 38-Jährige schrieb die Geschichte auf die Unterseite der Holzbretter, die er für einen Boden im mittelalterlichen Alpen-Schloss von Picomtal nahe der italienischen Grenze verwendete. Im Jahr 2000 fanden die heutigen Besitzer die Schriften auf Holz: 72 Bretter, beschrieben zwischen 1880 und 1881.

„Ein außergewöhnlicher Fund“, sagt der Historiker Jacques-Olivier Boudon, der durch Zufall davon erfuhr und mehrere Jahre daran forschte. Ein solcher Einblick ins Dorfleben sei selten - es gebe aus dieser Zeit kaum „vom Volk hinterlassene Spuren“.

Joachim Martin habe „ohne Tabu“ geschrieben, sagt Boudon der Deutschen Presse-Agentur. Der Schreiner ging davon aus, dass der Text erst nach seinem Tod entdeckt wird: „Glücklicher Sterblicher. Wenn du mich liest, werde ich nicht mehr sein“, steht auf einem Brett.

Die Einträge sind äußerst intim: „Er schreibt über seine Ängste, seine Familie, seine Nachbarn. Er beschreibt eine Dorfgemeinschaft, die erschüttert ist vom Bau der Eisenbahn, von der Landflucht und von politischen Krisen“, schildert Boudon in seinem Buch, in dem auch die einzelnen Einträge abgedruckt sind. Und Joachim Martin lüfte „schwerwiegende und intime Geheimnisse“ der Dorfbewohner von Les Crottes (heute: Crots) - ein Krimi auf Holz.

Das Drama um die schwangere Mätresse seines Kindheitsfreundes hält der Historiker für den Auslöser der Schriften. Denn er versteht die Zeilen so, dass das Neugeborene umgebracht wurde - und der Schreiner seinen Freund dafür verantwortlich machte. Insgesamt sechs Kinder habe die Frau bekommen, vier wurden „in besagtem Stall begraben“, heißt es auf einem der Brettchen. Joachim Martin schwieg damals anscheinend über den Vorfall: „Er ist mein Kindheitsfreund, und seine Mutter ist die Mätresse meines Vaters“.

Auf einigen Holzstücken macht er auch seinem Ärger über den Dorfpfarrer Luft, den er als „großspurigen Lebemann“ beschreibt, der sich an Beichtgeheimnissen erfreut: Er wolle wissen, „wie genau man mit seiner Frau schläft. Wie oft im Monat, ob man sie bespringt“, dann folgen weitere vulgäre Beschreibungen. Und schließlich: „Hängt das Schwein.“ Bei seinen Recherchen fand der Historiker auch einen Beschwerdebrief über den Pfarrer - unterschrieben von Joachim Martin.

Über den Verfasser ist ansonsten wenig bekannt: Er lebte von 1842 bis 1897, war verheiratet und hatte vier Kinder, schreibt Boudon. Er sei ein einfacher Mann gewesen, aber aus seinen Zeilen gehe auch eine gewisse Intelligenz, Kultiviertheit und Liebe zur Sprache hervor. „Meine Geschichte ist kurz und aufrichtig und ehrlich, weil niemand außer dir meine Schriften lesen wird.“

Das Schloss ist mittlerweile ein kleines Hotel. Auf der Webseite sucht man vergeblich nach Hinweisen zu Joachim Martins Brettern. „Aber wer danach fragt, dem zeigen wir sie natürlich“, sagt Besitzer Jacques Peureux am Telefon. Bei einer Veranstaltung im Sommer soll wieder ein Schauspieler in die Rolle des Schreiners schlüpfen, der vom Dorfleben erzählt.

Das Buch des Historikers Jacques-Olivier Boudon ist auf Französisch erschienen: „Le plancher de Joachim. L'histoire retrouvée d'un village français.“ Paris 2017, ISBN 978-2-410-00603-2, 24 Euro

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