Von Wundern hält Arpád Schilling nichts, auch nichts von selbsternannten Heilsbringern. Der Mann ist Ungar, er weiß, wovon er spricht, er kommt aus einem Land, „wo seit acht Jahren ein Mann eindeutig die Rolle eines Führers eingenommen hat, dem mehr und mehr Menschen dienen und wie einem Messias glauben“: Viktor Orbán ist gemeint.

Der mache ihm Angst, sagt der Regisseur, weil er die Menschen manipuliere:  Das ist ein aktueller Ansatz, mittlerweile auch in einem AfD-Deutschland, um Richard Wagners „Lohengrin“ kritisch auf die Bühne zu bringen, eine Oper, die für ihren Erlöserkult schon Hitler liebte. So hat die Staatsoper Stuttgart unter der neuen Intendanz von Viktor Schoner ziemlich politisch angefangen – und das endet, um es vorwegzunehmen, in einem fast ungeteilten Publikumsjubel.

Die böse Geschichte des „Lohengrin“ beginnt freilich schon bei der Figur des König Heinrich, einem Populisten, der eine Gefahr aus dem Osten beschwört, den Krieg instrumentalisiert, um die orientierungslose Gemeinschaft (der Brabanter) zu beschwichtigen. Schilling dreht in seiner Interpretation die Gesellschaftskritik weiter, er macht sie nicht an den Herrschenden fest, sondern direkt beim Volk, das den Messiassen nicht nur blind folgt, sondern sie selbst hervorbringt. Warum brauchen die Menschen einen solchen Anführer, warum lassen sie das Unrecht gegen Elsa zu? Es wird viel von Gott gesungen in dieser Wagner-Oper, aber es geht um den Menschen.

Schilling nimmt das wörtlich in seiner Inszenierung, ein bilderreiches Polit-Spektakel zeigt er nicht. Raimund  Orfeo Voigt hat einen „offensiv dekorverweigernden Raum“ entworfen. Man weiß jetzt nicht, wie ein diesbezüglich „defensiver“ Ansatz aussehen könnte, aber es ist das komplette Gegenteil dessen, was der Künstler Neo Rauch in diesem Sommer in Bayreuth beim „Lohengrin“ veranstaltete: graue, schwarze Leere. Das heißt, es ist ein grandioser Bühnen-Schacht, der unheilvoll in den Abgrund führt.

Schilling inszeniert psychologisches Menschen-Theater.  Und weil es keine Wunder gibt, schwimmt Lohengrin auch nicht göttlich auf einem Schwan daher, um der des Brudermords angeklagten Elsa beizustehen, sondern er wird ausgespuckt aus der Masse des Volks. Widerwillig tritt er hervor, will sich wieder einreihen, aber die Menge wehrt ab, keine Chance, er muss es jetzt tun. Immerhin hat er für Elsa ahnungslos einen kleinen Stoff-Schwan als Glücksbringer dabei.

Der Zweikampf? Hat Lohengrin auch keine Lust drauf. Das Volk schubst ihn in den Ring, zu Telramund hin, so dass dieser umfällt. Lächerlich, so lächerlich eben wie das ganze Heilsgeschrei. Als Elsa, die Braut, dann partout das Fragegebot bricht, hat es dieser Loser, der ein Held sein muss, derart satt, dass er Schwäne unterm Bett hervorholt und sie gegen die Wand schleudert. Erschöpft, erledigt singt Lohengrin schließlich vom Gral und der edlen Gemeinschaft, aber kein Schwan hilft. Es bleibt totes Gefieder, der böse verzauberte Erbe Gottfried wird nicht als Hoffnungsträger erscheinen.

Ortruds Stunde schlägt jetzt, sie hetzt am Ende, weil Lohengrin versagt hat, das Volk auf Elsa, die nun die Erlösung bringen soll – in größter Angst aber kauert sie in der Ecke, sich mit einem Messer wehrend. Wirklich kein Happy End. Vorhang. Das ist ein konsequentes, kluges Wagnertheater, für das Schilling auch Buhs einstecken musste, aber seine Botschaft ist klar: Es hilft nur praktizierte Mitmenschlichkeit.

Ovationen für den grandiosen, so geschmeidig klangmassiven Staatsopernchor (unter seinem neuen Direktor Manuel Pujol) – und auch für das Sängerensemble. Michael König singt den bemitleidenswerten Lohengrin gleichwohl mit stählernem Tenor, kraftvoll, Simone Schneider glänzt als eine Elsa, die staunend ihr Glück sucht, der aber übel mitgespielt wird: eine große, runde, dunkel timbrierte Stimme mit emotionaler Durchschlagskraft.

Telramund ist ungefähr ein müder Parteisekretär, dessen 20 Jahre jüngeres Prachtweib Ortrud, eine virile Blondine, ihn furchtbar unter Druck setzt: Martin Gantner mit atemloser Dramatik, und Okka von der Damerau legt mit furiosem Mezzo ein frühes, Bayreuth-reifes Rollendebüt hin. Goran Juric ist der sich schnell wegduckende Polit-Apparatschik König Heinrich, Shigeo Ishino der eitle Heerrufer.

Dann war dieser „Lohengrin“ am Samstag auch der erste Auftritt des neuen Stuttgarter Generalmusikdirektors Cornelius Meister: Nervös noch das eher klirrende statt A-Dur-heilige Vorspiel, dann drehte er mit dem Staatsorchester aber auch so richtig auf. So defensiv befragend wie die Regie, jede Staatsaktion verweigernd, dirigierte Meister nicht: Ein wahres Musikdrama entfesselte er laut und deutlich und zupackend. Er kann auch die Mittelstimmen fein herausarbeiten, fast zart schwelgen, aber es war in der Premiere Wagner-Heavy-Metal. Dass trotzdem die Sänger nicht im Orchestersound untergingen, im Gegenteil auftrumpften, ist Dirigierkunst. Auch dafür: Ovationen.

Meisters Einstand als Konzertdirigent


Aufführungen Der „Lohengrin“ steht noch sechs Mal in dieser Saison auf dem Spielplan der Staatsoper Stuttgart: am 3., 14., 20. und 27. Oktober sowie am 3. und 5. November. Seinen Einstand als Konzertdirigent gibt der neue Generalmusikdirektor Cornelius Meister am kommenden Sonntag, 7. Oktober, 11 Uhr, in der Liederhalle: Das Staatsorchester Stuttgart spielt Werke von John Cage, Joseph Haydn, Gustav Mahler (7. Sinfonie). Das Konzert wird am Montag, 8. Oktober, 19.30 Uhr, in der Liederhalle wiederholt.