Stuttgart / OTTO PAUL BURKHARDT Nach längerer Premierenpause zeigt Stuttgart einen Klassiker: Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ – verfremdet als surreales Traumspiel.

Klar, auch am Staatstheater von Intendant Armin Petras gibt es Ups and Downs. Zum Beispiel die Arbeiten des in Wien und Berlin hochgehandelten Regisseurs Robert Borgmann. Der landete zu Beginn der Petras-Ära mit „Onkel Wanja“ einen Erfolg mit Einladung zum Theatertreffen, doch ein Jahr später scheiterte er mit einem krankheitsbedingt umbesetzten, schalen „Richard III.“. Petras aber lässt Regisseure, die etwas versemmelt haben, nicht fallen. So bekam Borgmann nun eine dritte Chance in Stuttgart – Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“. Und siehe da: Borgmanns Lesart gibt sich im Schauspielhaus auch hier streitbar. Wie er Millers Drama neu ausleuchtet und in ein surreales Traumspiel verwandelt, entwickelt einen ganz eigentümlichen Sog.

Das fängt mit der Hauptfigur an, dem Handlungsreisenden Willy Loman, der am Ende eines Arbeitslebens erst degradiert, dann gefeuert wird. Im radikalen Bruch mit Sehgewohnheiten lässt Regisseur Borgmann diesen Loman, gespielt von Peter Kurth, als traurig-verlorene Ballerina auftreten: oben ein nackter, robuster Kerl, unten in schwarzem Tüll ein graziles, verletztliches Wesen. Später wird Kurths glückloser Traumtänzer Loman sagen: „Die Leute nehmen mich nicht ernst – vielleicht ziehe ich mich nicht vorteilhaft an?“ Heiterkeit im Saale.

Peter Kurth kann ziemlich alles – etwa den knorrigen Boxer im Kino („Herbert“) oder Lessings Toleranzprediger Nathan im Schauspiel. Jetzt gibt er Willy Loman: als bizarren Trauerschwan. Kurths Loman, später dann doch im grauen Anzug, wird von seinem Chef wie Menschen-Müll von der Bühne herab ins Publikum gekippt. Den Abstieg will er verbergen: Sein Leben verkommt zur Lüge.

Das alles, vor allem Lomans weiterhin sturer Glaube an den amerikanischen Traum, hat den Rest der Familie längst kaputt gemacht. Die Söhne – Manuel Harders durchs Leben stolpernder Biff und Manolo Bertlings launischer Happy – weichen diesem Erfolgszwang einfach aus. Und die Mutter (Susanne Böwe) müht sich verzweifelt, die auseinander gedriftete Familie zu kitten.

Dennoch, „the show must go on“. Die Lomans faken ein halbwegs erfolgreiches Leben. Dafür steht bei Borgmann ein schwerer roter, bühnenbreiter Vorhang. Der gibt Phantasien frei, wirkt mal verführerisch, mal bedrohlich – etwa, wenn er wie ein Alptraum unmerklich langsam näher rückt.

Obwohl Borgmann werknah erzählt, blendet er Traumsequenzen ein, in denen die Zeit still steht. Kurths Loman erscheint dann als trauriger Clown mit blauer Perücke. Oder eine Zirkusmanege tut sich auf, über der „Desire“ in Leuchtschrift prangt, dahinter das Wort „Capitalism“. So bringt Borgmann auch Systemkritik frei nach Arthur Miller unter. Am Ende tanzt Peter Kurths Loman, der die reale Welt durch Suizid verlassen hat, einen berührenden Totentanz. Und ein Live-Musiker klagt leise „Sometimes I feel like I‘m almost gone“. Kurzum, Borgmann findet für den oft verfilmten Klassiker eine ungewöhnliche, stille Lesart, die tiefer lotet. Nicht alles trifft, doch der Zugriff überzeugt. Sehr elegisch. Anhaltender Beifall.