Stuttgart Schauspiel Stuttgart startet mit Tschechows "Möwe"

Emotional: Cristin König als Arkadina und Manuel Harder als Trigorin.
Emotional: Cristin König als Arkadina und Manuel Harder als Trigorin. © Foto: Birgit Hupfeld
Stuttgart / OTTO PAUL BURKHARDT 05.10.2015
Alle spielen Tschechow. Ist es das Grundgefühl eines epochalen Umbruchs, das auch heute berührt? Das Schauspiel Stuttgart beginnt mit dem Klassiker "Die Möwe" - teils frei improvisiert, meist streng nach Text.

Kostja, ein junger Autor, ist verzweifelt. Sein hoch ambitioniertes, leider aber gähnlangweiliges Theaterstück - es geht natürlich um den Weltuntergang - ist ein Flop. Er erntet nur Hohn und Spott.

Was soll er tun? Nur noch "kurze, knackige 90-Minuten-Stücke" schreiben? Für ein Publikum, das "sein Hirn vorher an der Garderobe abgibt und nachher wieder abholt"? Nein, in einer derart verständnislosen Umgebung - selbst die angebetete Nina will nichts von ihm wissen - kann er sich auch gleich erschießen. So gibt er sich, irgendwo abseits, die Kugel. Und niemand merkt's! Kostjas Verwandte und Freunde plaudern einfach weiter, jammern ein bisschen über die Welt und spielen Bingo. Das ist, typisch Tschechow, ungeheuer tragisch und wahnsinnig komisch zugleich.

Intendant Armin Petras geht in die dritte Stuttgarter Spielzeit. Zum Saisonstart präsentiert er nach Simon Solberg ("Urgötz" 2013) und Robert Borgmann ("Richard III." 2014) wieder einen jungen Regisseur: Martin Laberenz. Bringt der den 120 Jahre alten Tschechow-Klassiker "Die Möwe" zum Fliegen?

Wie üblich wird entrümpelt. Keine Requisiten, nichts. Statt dessen sehen wir abstrakte, zeitlose Leere, beleuchtet von einer grellen Lichtbatterie, und: eine Bühne auf der Bühne. Nicht gerade neu, aber passend zum Theater-im-Theater-Plot des Stücks. Erwartbar wirkt auch, dass das "Möwe"-Personal auf dem schiefen, nass-glitschigen Podest ins Rutschen gerät. Okay, das Theater ist eine Lebensplattform, auf der man schnell abwärts schliddern kann. So passiert's auch dem Jungautor Kostja (Manolo Bertling), der mit seinem hoch innovativen Theaterstück (klar: ohne lebendige Menschen, ohne Handlung) gleich hart auf den Hintern fällt. So, dass er seine gefühlten 100 Manuskriptseiten in alle Winde verstreut. Tschechows Figuren scheitern auch bei Laberenz, weil sie Unerreichbares ersehnen. Kostja vergöttert Nina, doch die wiederum himmelt den abgefuckten Erfolgsautor Trigorin an - und so weiter. Eine endlose Kette ungelebter Lieben und ungeliebter Leben. Sinnbild dieser Herbheit ist bei Laberenz eine überdimensionale Riesendistel, die seit Tolstoi auch als Symbol für Eigensinn und Widerstand steht (Bühne: Volker Hintermeier). Dass ein paar Figuren natürlich nonstop Wodka picheln: geschenkt.

Seit seinem über fünfstündigen Stuttgarter Dostojewski-Versuch zum Roman "Der Idiot" gilt Martin Laberenz als freier Radikaler, der gern mit Proben- und Stegreif-Situationen experimentiert. Seine "Möwe" wird zwar großteils wörtlich vom Blatt gespielt, doch immer wieder wird auch improvisiert. Vor allem Peter René Lüdicke kann als Kettenraucher Sorin virtuos nervig daherbrabbeln ("Mein Leben ist quasi ohne mich an mir vorbeigegangen"). Aber auch Manuel Harders Top-Schriftsteller Trigorin, ein Flaneur mit Handke-Frisur und Sonnenbrille, entwickelt, frei Schnauze loslegend, traurige Größe: Er leidet unter dem Zwang, die Welt nur als Tippgeber für Erzählungen zu betrachten, obwohl er "das Ganze nicht mehr begreife". Auch das eine kipplige Gratwanderung zwischen berührend und lächerlich.

Oft aber verhärtet Laberenz die Tschechow-Komödie zu tonnenschwer tragischem Schreitheater. Vor allem Svenja Liesau brüllt sich als knallrot gekleidete Nina, sitzen gelassen von Trigorin, die halbe Seele aus dem Leib. Ninas Monolog aus Kostjas Weltende-Theater ("Menschen, Löwen, Adler . . . alles Leben ist ganz erloschen") wird bei Laberenz gar zum wiederkehrenden Leitmotiv des Abends - als düsterer Popsong, als fröstelnder Chor und als mahnende Reminiszenz.

Wie komplex Tschechows Charaktere sein können, zeigt Cristin König als Groß-Actrice Arkadina. Da ist vieles drin: die Schauspielerin, die sich am eigenen Erfolg berauscht, die eifersüchtige Mama, die ihren Sohn Kostja als "Versager" abkanzelt, und die betrogene Frau, die sich mit ihrem fremdgehenden Vorzeige-Mann Trigorin arrangiert.

Fazit: Etwas zu viel apokalyptische Schwere, zu viel zerdehnte Impro-Spielchen, zu viel behauptetes Brülltheater. Aber phasenweise lässt Laberenz sie leuchten, jene schwermütig schwebende Tschechowsche Leichtigkeit. Keine Buhs, verhaltener Beifall.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel