Marbach Sartre in Stammheim: Das 100. Heft der "Spuren"

JÜRGEN KANOLD 13.12.2013
Literarische Schauplätze im Südwesten: Das 100. Heft der viel gerühmten Marbacher "Spuren"-Reihe widmet sich "Sartre in Stammheim". Der Philosoph besuchte 1974 den RAF-Terroristen Andreas Baader.

Schiller in Stuttgart, Hölderlin in Tübingen, Mörike in Cleversulzbach - auf dieser literarischen Landkarte des Südwestens kennt sich der klassische Leser noch aus. Aber was ist mit Rainer Maria Rilke in Bad Rippoldsau, Balzac in Weinheim, Ernst Jünger in Ravensburg? Und welchen Bezug hatte Johann Peter Hebel zum Belchen, Grimmelshausen zum Mummelsee? Wieviel Künzelsau steckt im Werk des Hermann Lenz?

"Spuren" heißen die vor 25 Jahren von Thomas Scheuffelen und Friedrich Pfäfflin entwickelten und deutschlandweit gerühmten Hefte, die viermal pro Jahr auf 16 Seiten, fein illustriert und mit Landkarte mehr oder weniger bekannte Orte des Südwestens als Schauplätze der Literatur- und Geistesgeschichte beleuchten. Die Autoren der Reihe entdecken in der Provinz nicht nur die großen, berühmten Dichter an einem flüchtigen, aber nicht ganz unwichtigen Punkt ihrer Biografie. Gleichermaßen werfen sie einen Blick auch auf weitgehend unbekannte Schriftsteller und, ja, auf deren "Spuren", die sie wortwörtlich hinterlassen haben.

Auch bewahren sie literarische Lokalitäten vor dem Vergessen. Wer weiß zum Beispiel, dass Heimito von Doderer (der Wiener Weltliterat der "Strudelhofstiege") 1937 ins Schwäbische gereist war, um für seinen ersten Roman "Ein Mord den jeder begeht" tagelang zu recherchieren? "Heimito von Doderer und der Kirchheimer Tunnel in Lauffen am Neckar" heißt das "Spuren"-Heft 84 von Jan Bürger.

Man darf sagen, dass die "Spuren"-Hefte mittlerweile ein Lese-Museum im Literaturland Baden-Württemberg bilden, ist doch bereits die 100. Ausgabe erschienen: "Sartre in Stammheim", ein Beitrag von Günter Riederer. Auch dieses Heft zeigt die Qualität der Reihe: Anschaulich wird Geschichte verortet und erzählt. Welche Spuren also hat Riederer gelesen? Die eines spektakulären bundesrepublikanischen Medienereignisses: Der Dramatiker und Philosoph Jean-Paul Sartre, einer der berühmtesten Intellektuellen seiner Zeit, besucht in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim den RAF-Terroristen Andreas Baader. Es ist der 4. Dezember 1974, Sartre wird schon auf dem Flughafen von einem Presseaufgebot empfangen, als handele es sich um einen Staatsbesuch.

Klaus Croissant, der Anwalt des im Hungerstreik befindlichen RAF-Häftlings, hatte den Coup eingefädelt, um mit einem Promi Schlagzeilen zu machen und öffentliche Solidarität mit den Terroristen anzufeuern. Während der später von der RAF ermordete Generalbundesanwalt Siegfried Buback sich gegen Sartres Besuch aussprach, machte das zuständige Stuttgarter Oberlandesgericht das Gefängnistor auf - und bereitete einer bizarren Inszenierung die Bühne.

Sartre (1905-1980) war ein Literat, der politisches Engagement gegen bestehende Verhältnisse predigte. "Sein Herz ist tiefrot, und sein Gott ist das Nichts", schrieb die Bild-Zeitung anlässlich des Stammheim-Besuchs, wie die Springer-Presse überhaupt schwere Geschütze auffuhr. Sartre sprach in Stammheim - das zentrale siebenstöckige Hochhaus avancierte bald zu einer Metapher für den RAF-Terrorismus - eine Stunde mit Baader. Worüber, ist nicht gemau bekannt.

Die Kapitalismuskritiker aber gaben im luxuriösen Hotel Graf Zeppelin eine internationale Pressekonferenz. Sartre beklagte die Folgen der Haftbedingungen, sprach von Folter - drei Tage später veröffentlichte er in der Tageszeitung "La Libération" den Artikel "Der langsame Tod des Andreas Baader". Wirklich sympathisch aber waren die beiden einander nicht. Nach Aussage von Daniel Cohn-Bendit, damals Anführer der französischen Studenten und Begleiter Sartres in Stuttgart, soll der Philosoph im Auto gesagt haben: "Was für ein Arschloch, dieser Baader."

Es folgen die Stammheim-Prozesse und der Herbst 1977, als neben Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe auch Andreas Baader nach der Befreiung der entführten "Landshut" Selbstmord begeht. Der "Mythos Stammheim" aber, schreibt Günter Riederer, nahm seinen Anfang an jenem Tag im Dezember 1974; es war "der umstrittene Versuch eingreifenden Handelns eines großen Philosophen".

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