Ob vom Vater, ob vom Sohne - welcher Lucas mehr Anteil hatte an einem Tafelbild, war den Zeitgenossen gleichgültiger als uns. Das renommierte "Firmensignet", die gekrönte Schlange mit Rubinring und Fledermausflügeln - der Sohn ersetzte sie durch Vogelflügel - verbürgte allemal die Qualität. Auf Unterscheidbarkeit legte der Sohn auch nicht unbedingt Wert; wichtiger war der vom Vater geprägte "Cranach-Stil". Gemeinsam sollen sie an die 5000 Bilder gemalt haben.

Die Wittenberger Werkstatt des 1505 aus dem namensgebenden fränkischen Kronach (damals Cranach) zugewanderten Meisters war ein Großbetrieb der Renaissance: bis zu zehn Mitarbeitern arbeiteten dort zusammen mit dem kursächsischen Hofmaler und seinen zwei begabten Söhnen Hans und Lucas. Der Ältere, Hans, hätte den Betrieb übernehmen sollen, starb aber bereits 1537 in Bologna. Die Chance des Zweitgeborenen. Bediente der Vater, obzwar enger Freund Luthers, auch noch katholische Auftraggeber, produzierte Sohn Lucas ausschließlich für Protestanten. Überzeugte Lutheraner, geradezu Chef-Propagandisten der Reformation waren sie beide, überdies als Bürgermeister von Wittenberg auch politisch äußerst aktiv.

Lange, zu lange stand der Sohn im Schatten des Vaters, mit dem er sich fast 20 Jahre lang die Werkstatt teilte. Gemeinhin galt er als weit weniger delikat, vergleichsweise grob. Gleich vier Ausstellungen in Sachsen-Anhalt wollen im 500. Geburtsjahr von Lucas Cranach dem Jüngeren den überzeugenden Gegenbeweis antreten. Es ist die erste große Sonderschau über einen, der das väterliche Vorbild vielleicht doch kongenialer aufgriff und weiter entwickelte, als bislang angenommen.

Die deutsche Teilung und die Zerstreutheit der Werke hatte eine Gesamtschau lange erschwert, zudem fällt es auch Experten noch immer nicht leicht, die Hände von Vater und Sohn deutlich zu scheiden. Wie eifersüchtig überdies die Länder über ihre Cranach-Schätze wachen, wurde im Vorfeld deutlich: 13 deutsche Städte weisen in diesem Jahr "Wege zu Cranach". Die Ausstellung in Weimar mit denen des Nachbarlandes zu koordinieren, war allerdings nicht möglich. Sei's drum, wer Lucas dem Jüngeren in Wittenberg, Dessau und Wörlitz nahe kommen will, hat genug zu tun: Im Lutherhaus, dem zentralen Ort der Landesausstellung, werden Leben und Werk in den historischen Rahmen gestellt, in den Cranach-Höfen Familie und Werkstatt beleuchtet. Im Dessauer Johannsbau gerät der Wandel der Bildtheologie vom Vater zum Sohn in den Blick. Im gotischen Haus im Wörlitzer Landschaftspark endlich darf man exemplarischen Einblick nehmen die Sammlungspraxis des Fürsten Leopold Franz im späten 18. Jahrhundert.

Vor allem die "Wege zu Cranach" in der Lutherstadt lohnen: Schon der 13 superben Ölskizzen sächsischer Fürsten und Adliger wegen, die im späten 17. Jahrhunderts nach Reims gelangt waren und nun als Sensation gefeiert werden. Hatten sie doch sie doch lange als Werke Dürers oder des jüngeren Holbein gegolten.

In einem verdunkelten Raum im frisch sanierten Augusteum - einst Teil der alten Wittenberger Universität - strafen nicht nur diese Bilder, sondern die Fülle von Holzschnitten, Portraits und Altarbildern der verbreiteten Ansicht von der Zweitrangigkeit des Sohnes Lügen: Blühende Farben, starke Nahsichten, naturalistische Schatten, ein geradezu überbordendes Bildpersonal, sowie ein Hang zur Harmonisierung und Vereinheitlichung des Bildes charakterisieren seine Tafelbilder. Die protestantische Bildtheologie wird vereinfacht und gewinnt zugleich größere malerische Dichte. Auf starke Affekte wird weitgehend verzichtet. Sakraments- und Gnadentheologie statt mitleidvoller Identifikation.

An die Stelle der fürbittenden Heiligen sind die fürstlichen "Landesbischöfe", an die des aus allen Wunden blutenden Schmerzensmannes, der gute Hirte und gnädige Begleiter getreten - etwa beim letzten Abendmal auf dem Dessauer Epitaph, wobei der jüngere Lucas wahrscheinlich als Mundschenk agiert. Ein eindeutiges Selbstportrait gibt es jedoch nicht.

Galt der berühmte Vater noch ein Zugereister, ist der am 4. Oktober 1515 in der "Hauptstadt der Reformation" Geborene der Wittenberger Malerunternehmer par exzellence. Als Kind saß er unter Luthers Kanzel, wuchs nahtlos hinein in den Geist der Reformation, den er, wie auf keinem anderen Werk, auf dem Altar der Weimarer Herderkirche bildtheologisch auf den Punkt brachte, ein Bild das bis vor kurzem noch als Spätwerk des älteren Cranach gegolten hatte. Es handelt sich (auch) um einen gemalten Epitaph: Ein Blutstrahl aus der Brust des Erlösers trifft das Haupt des verstorbenen Vaters.

Der war 1550 seinem Brotherrn, dem vom Kaiser geschlagenen sächsischen Kurfürst Friedrich dem Großmütigen in die Gefangenschaft und schließlich nach Weimar gefolgt, wo der Entmachtete nur mehr als Herzog amtierte. Nur ein Jahr später, 1553, stirbt der ältere Cranach. Der Sohn führte unterdessen die Wittenberger Werkstatt erfolgreich weiter - und durch die Wirren der ersten Glaubenskämpfe.

Neun Kinder von zwei Frauen aus dem städtischem Patriziat und Beamtenadel, lukrative Immobilien, Arznei- und Papierhandel, eine florierende Druckerei: Der jüngere Cranach zählte zu den Superreichen der ehemaligen kursächsischen Hauptstadt. Wie schon sein Vater. Ob er diesem - etwa in der Klarheit der Kontur und der Grazie der Veneren - an Bedeutung gleich kommt, darf trotz zahlreicher Qualitätsbeweise am Ende doch bezweifelt werden. Eine klare Aufwertung erfährt sein Oeuvre jedenfalls, und spürbar ist er allenthalben: der Stolz der Wittenberger auf "ihren" Renaissance-Malerfürsten. Nicht zu Unrecht, möchte man meinen.

Ausstellungen vom 21. Juli 2015

Sachsen-Anhalt Die Landesausstellung zu Cranach dem Jüngeren in Sachen-Anhalt läuft bis 1. November: "Lucas Cranach der Jüngere - Entdeckung eines Meisters" im Augusteum/Lutherhaus (Mo-So 9-18 Uhr), "Cranachs Welt" im Cranach-Haus am Markt (Mo-So 10-18 Uhr), "Cranach in Anhalt" im Johannsbau Dessau (Di-So 10-17 Uhr), "Cranach im gotischen Haus" im Wörlitzer Park (Di-So 11-17 Uhr).