Roman Rothmann und die heilige Luisa

Ulm / Jürgen Kanold 18.05.2018

Der verheerende Dreißigjährige Krieg, die Mutter aller Kriege, spielt auch in diesem aktuellen deutschen Roman eine Rolle: „Immer schwerer wurden die Zeiten, und wer da dachte, nichts mehr verlieren zu können, während der Sterb dauerte und die Pestilenz das Volk der Erde übergab, verlor stets noch etwas mehr.“ Ein gewisser Bredelin Merxheim berichtet von dieser Hölle und auch davon, wie sie zum Trutz eine Kirche zimmern, die auf einem See schwimmen kann, unerreichbar von den Landsknechten.

In Ralf Rothmanns neuem Roman „Der Gott jenes Sommers“ geht es in unheiliger Zeit seltsam fromm zu. Jedenfalls spielt eine unschuldige Zwölfjährige die Hauptrolle in einer eher episodischen Geschichte aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs: Luisa Norff, die mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester aus dem bombardierten Kiel aufs Land geflohen ist. Der Vater betreibt noch ein Offizierskasino. Und ihre jüngere Schwester ist mit einer Karikatur von einem SS-Hauptsturmführer verheiratet. Luisa schmökert gute Literatur, begreift aber nicht alles, was um sie herum passiert. Auch der auktoriale Erzähler klärt nicht auf über die Hintergründe, er schildert Empfindungen, Zustände, Situationen: die Geburt eines Kalbs oder eine fast schon surreale Endzeit-Geburtstagsfeier der SS inklusive Vergewaltigung.

Gut und Böse

So aufwühlend wie Rothmanns 2015 erschienener, gefeierter Roman „Im Frühling sterben“ ist dieses Buch nicht – nicht so wirklichkeitsnah ergreifend wie die Geschichte eines in den Wirren des Krieges schuldlos schuldig werdenden Wehrmachtssoldaten. In diesem Roman bleibt Luisa in einem drastischen, aber klar in Gut und Böse aufgeteilten Szenerio das naive Kind, das nicht handeln muss – aber gleichwohl Leid erfährt. Und zusammenbricht. Ja, sie ist eine Art Heilige, die alles Leid auf sich nehmen muss. Und am Ende ins Kloster will. Sie sei doch noch so jung, ob sie nicht vorher etwas erleben wolle?, fragt eine Nonne. „Wie gestrichelt von den zarten Birken am Ufer schoben Soldaten eine Karre voller Knochen zum Tor, wo ein Lastwagen stand“ – und Luisa antwortet: „Ich habe alles erlebt.“ Das stimmt. Aber es liest sich alles in zu schöner Schrecklichkeit, zu poetisch-unschuldig, um wirklich und wahr zu sein. Wie ein Albumblatt aus dem fernen Dreißigjährigen Krieg.

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