Es hätte der Knaller der Saison sein können. Mit ihrem Roman „American Dirt“ schaffte die US-Autorin Jeanine Cummins den Sprung an die Spitze der Bestseller-Liste der „New York Times“ – und löste in den USA eine erbitterte Debatte über kulturelle Aneignung aus. Die Frage, die alle umtreibt:  Darf eine weiße Amerikanerin einen Roman aus der Sicht einer Mexikanerin schreiben, die auf der Flucht vor erbarmungslosen Mördern illegal in die USA einreisen will?

Sie darf, sagen prominente Schriftsteller wie Don Winslow und Stephen King, die  davon schwärmen, wie intensiv und packend Cummins die Geschichte erzählt, den Lesern die Menschen nahebringt, die als Illegale die US-Grenze überschreiten. Das Personal des Romans sind meist Getriebene, Verfolgte, die das Risiko einer beschwerlichen und gefährlichen Reise unfreiwillig auf sich nehmen, keinen anderen Ausweg sehen als die Reise nach El Norte.

Unzählige Geschichten, die wir niemals hören werden

Im Nachwort des Buches erklärt Cummins die Sicht vieler Amerikaner auf die Migranten:  „Im schlimmsten Fall nehmen wir sie als Mob wahr, als Invasion von Kriminellen, die unsere Mittel aufsaugen wollen, und im besten Fall als eine Art hilflose, verarmte, gesichtslose braune Masse, die auf unserer Türschwelle um Hilfe schreit. Wir sehen sie selten als Mitmenschen.“ Um diese Perspektive zu verändern, wollte Cummins eine „erfundene Geschichte“ schreiben, „um die unzähligen Geschichten zu ehren, die wir niemals hören werden“.

Ihre Geschichte startet in Acapulco. Bei einer Grillparty wird die gesamte Familie der Buchhändlerin Lydia ermordet. Nur sie und ihr achtjähriger Sohn überleben. Die Tat ist die Vergeltung dafür, dass Lydias Mann, ein engagierter Journalist, einen Artikel über einen Drogenboss veröffentlicht hat. Dessen Tochter liest ihn im Internat in Barcelona; sie erhängt sich, als sie erfährt, wie brutal dessen Kartell agiert. Der Drogenboss schwört Rache, obwohl er Lydia zuvor oft in ihrer Buchhandlung besucht hatte. Lydia und ihr Sohn Luca fliehen, müssen untertauchen, weil sie sich nicht an die Behörden wenden können, deren Beamte meist auch auf der Lohnliste des Kartells stehen. Eine atemlose Flucht beginnt, die Jeanine Cummins virtuos schildert. Zurück zur Ausgangsfrage: Sie darf das nicht nur, sie kann das auch.