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Ulm / Jürgen Kanold 13.10.2018

Fritz, der Gastwirt, liebt das Theater. Und besonders fasziniert ihn ein berühmter Schauspieler, für den alles Rolle, alles Spiel war, „bedenkenlos, gedankenlos und überschäumend“. Selbst in den bösartigsten Karikierungen behielt dieser etwas vollkommen Glaubhaftes: „Die Welt und ihre Menschen gingen durch ihn durch.“ Fritz erinnert sich an diesen Mann im April 1945 in Berlin, in den letzten Tagen des Krieges, vielleicht auch deshalb, weil er in dem Schauspieler die Fähigkeit verkörpert sieht, „das Leben durch unendliche  Verdopplungen zu erweitern. Mehr zu sein als einer. Frei zu sein von Fesseln“.

Denn Fritz hat Angst, Todesangst. Er hatte es fast geschafft, den Krieg durchzustehen, aber dann haben er und Schultz den Auftrag erhalten, die Geldkasse ihrer Einheit vom Flughafen Johannisthal ins Reichsluftfahrtministerium nach Berlin-Mitte zu bringen, weil ja bald der Russe kommt. Einmal quer auf klapprigen Fahrrädern durch die zerbombte, ins Chaos versinkende Stadt, ein groteskes Himmelfahrtskommando. Fritz, 36, verheiratet, ein Sohn, genießt das Leben in vollen Zügen; Schulz, 42, ohne Familie, ist der schmale, zähe Grübler: Die beiden sind eine komische Schicksalsgemeinschaft, wie Pat und Patachon ziehen sie los.

Sie erreichen tatsächlich das Ministerium – aber dann nichts wie weg, zum Wannsee, wo die „Traute“ liegt, ein Segelschiff, eine Heimat aus besseren Zeiten. Einen schlimmen Sturm hat Fritz auch auf dem Schiff erlebt: „Dieses Nachterlebnis hatte sich wie eine Narbe in sein Herz gefressen und ihm eine Richtschnur aus Angst eingepflanzt, mit deren Hilfe er sein weiteres Leben überstand.“ Vielleicht auch diesen Kriegsuntergang.

Der das geschrieben hat, Burghart Klaußner, ist selbst einer der ganz großen deutschen Charakterschauspieler, preisgekrönt etwas als Pastor in Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ und in Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“. Klaußner, 1949 in Berlin geboren, selbst Gastwirtssohn, ist ein solcher Darsteller, der mit klarer Diktion, allerdings nie bedenkenlos, stets „etwas vollkommen Glaubhaftes“ verkörpert. Er aber hat jetzt, wenn man so will, sein Leben noch durch eine ganz andere „Verdopplung erweitert“: als Autor Burghart Klaußner.

„Vor dem Anfang“ heißt der gut 170 Seiten dicke Roman, der noch besser als Novelle durchgehen könnte mit seiner unerhörten Begebenheit. Die Geschichte fesselt von den ersten Sätzen an, denn Klaußner ist ein poesievoll lakonischer Erzähler geradezu alter Schule, der präzise seine Protagonisten auf die Bühne einer schwejkhaften Endzeitgeschichte schickt, die gleichwohl vor dem Anfang steht.  

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