Musik Roger Waters live: Pop, Politik und Polemik

Roger Water ist auf „Us And Them“-Tour. Seine Botschaften verpackt er dabei äußerst plakativ.
Roger Water ist auf „Us And Them“-Tour. Seine Botschaften verpackt er dabei äußerst plakativ. © Foto: Hans Klaus Techt/APA/dpa
München / Magdi Aboul-Kheir 15.06.2018
Prätentiös und petetrant: Roger Waters verwechselt in der Müncher Olympiahalle Konzert mit Kampagne und reduziert den Mythos Pink Floyd auf Agitproprock.

„Resist!“, prangt in Riesenlettern auf der Riesenleinwand, rot auf schwarz. Resist! Widersteht!

Gerade hat Roger Waters in der Münchner Olympiahalle „Another Brick In The Wall“ zelebriert, nun gibt er den 11 000 Besuchern eine Botschaft mit in die Pause: Resist! Damit sie wissen, wem sich zu widerstehen lohnt, projiziert der ehemalige Pink-Floyd-Kopf 20 Minuten lang Botschaften auf die Leinwand.

Widersteht Mark Zuckerberg. Widersteht der Kriegsindustrie und Kriegsverbrechern. Tyrannen und allen, die Tyrannen unterstützen. Der Umweltverschmutzung. Neo-Faschisten.

Und dann steht da „Resist Anti-­Semitist!“ Das ist bemerkenswert, denn Waters steht wegen seines Engagements für die israelkritische Organisation BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) in der Kritik; kürzlich hatte der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung sein Unbehagen über BDS mitgeteilt, Waters hatte sich deftig gewehrt. Er, ein Antisemit? „Lachhaft“. In München folgt der Schriftzug: „Resist Israeli Anti-Semitism!“ Gemeint ist die Diskriminierung von Palästinensern.

Kosmisch, apokalyptisch

Ganz am Anfang zeigt die Videowand idyllische Strandbilder. Doch rasch färbt sich der Himmel blutrot, ertönen Schreie. Die Strandaufnahmen werden wiederkehren: das Flüchtlingsthema. Dieser Pop will nichts mehr anderes als politisch sein.

Kosmische, apokalyptische, zivilisationskritische Bilder. Angeprangert werden Gewalt, Konsum, Umweltzerstörung, Vereinzelung. Aus den Wellen des Blutmeeres formen sich Hände, Waters singt „Welcome To The Machine“, bearbeitet seinen Bass, reckt die Faust ins Publikum.

Dann „Another Brick In The Wall“, die Widerstandshymne gegen die Unterdrückung von Schülern. Münchner Kinder marschieren auf die Bühne, in Gefangenenkleidung, mit Hauben über dem Kopf wie vor einer Hinrichtung. Schließlich befreien sie sich, reißen die Overalls auf, auf ihren Shirts steht „Resist!“

Eine gewaltige Inszenierung. Nach der Pause teilen Leinwände die Arena der Länge nach, wie eine Mauer. Projektionen zeigen Fabrikhallen, rauchende Schlote, ein fliegendes Schwein. Nun kommt also „Pigs“, Pink Floyds metaphorische Abrechnung mit den Herrschenden. Waters trägt eine Schweinemaske, nimmt sie ab, hält Plakate hoch: „Pigs rule the world“, „Fuck the Pigs!“

Feindbild Trump

Und er rechnet mit dem Oberschwein ab. Trumps Kopf auf einem Schweinkörper, eine Trump-­Statue mit Mini-Penis. Ein Riesenschwein schwebt durch die Halle, darauf steht „Bleibe menschlich.“ Es folgen idiotische Trump-Zitate. Schließlich, auf Deutsch: „Trump ist ein Schwein“.

Aufnahmen von Erdogan, Putin, Berlusconi, Kim und Boris Johnson illustrieren „Money“. „Us and Them“ folgt zum Bildgewitter aus Guten und Bösen, Opfern und Tätern, Hungernden und Übersättigten. Der Musiker übersättigt mit seiner Botschaft.

Der Musiker? Ja doch! Er spielt Nummern aus vier großen Pink-Floyd-Alben: „Dark Side Of The Moon“, „Animals“, „Wish You Were Here“ und „The Wall“, dazu Songs vom 2017er-Solo-Abum „Is This The Life We Really Want?”, seinem ersten seit 25 Jahren.

Musikhistorisch hat er jedes Recht dazu. Von 1973 bis zu seinem Abschied aus der Band schrieb er nicht nur alle Texte, auch die Konzepte stammten maßgeblich von ihm. Und die Musik prägte er mindestens entscheidend mit, „Animals“ und „The Wall“ sind auch kompositorisch fast reine Waters-Platten. Ja, der berühmte Pink-Floyd-Sound der 70er und 80er wurde von Richard Wrights Keyboard-­Spiel und vor allem von David Gilmours Gitarren-Klang geprägt, aber Waters war der Kopf. 1985 hatte er Pink Floyd verlassen, aber damit nicht gerechnet, dass die Kollegen unter dem Bandnamen fortfahren würden. Was dann die Gerichte beschäftigte. Waters machte solo weiter und „The Wall“ zur Mega-Liveshow.

Aber nun ist er auf „Us And Them“-Tour unterwegs, mit einer guten Pink-Floyd-Coverband, auch wenn Lead-Gitarrist Dave Kilminster kein Gilmour ist. Die Fans bejubeln „One Of These Days“, „Wish You Were Here“, „Time“, schade, dass so tolle Songs auf einen Soundtrack für pure Polemik reduziert werden.

Es gibt kein Halten mehr, als zum Finale das berühmte Laser-­Prisma erscheint. Waters sagt, er sei von all der Liebe zutiefst berührt. Das gebe ihm Hoffnung, gerade in München, wo doch OB Dieter Reiter im Vorfeld Waters Auftritt kritisiert hatte. Von der Idee, Konzerte zu verbieten, sei es nur ein kleiner Schritt zur Bücherverbrennung, sagt Waters allen Ernstes. Was aus seinem Mund absurd ist, üben und die BDS doch Druck auf Künstler aus, damit sie nicht in Israel auftreten, Nick Cave und Radiohead können ein Lied davon singen.

Zur Zugabe „Comfortably Numb“ regnen Papierschnipsel herab. Auf jedem steht: „Resist!“

Zwei Ausnahmen in 33 Jahren

Band 1985 verließ Roger Waters Pink Floyd. 2005 kam es zu einer Wiedervereinigung – für eine Viertelstunde: Die Band trat beim „Live 8“-Benefizauftritt in London auf. Das war’s dann, bis auf ein Waters-Konzert 2011 in London, bei dem David Gilmour und Nick Mason zwei Songs mitspielten.