Southside Festival Rockbretter und Rap-Götter

Neuhausen/Eck / Udo Eberl 24.06.2018
Bei der 20. Ausgabe des Open Airs bei Neuhausen ob Eck feiern 60.000 Musikfans und Partywütige mit Arcade Fire, Rapper Marteria und Biffy Clyro bis tief in die Nacht.

Die großen Open-Air-Festivals sind weit mehr als nur Treffen von Musikliebhabern unter freiem Himmel. Beim Southside, das in den vergangenen Jahren trotz Wetterkapriolen zu einer Kapazität von 60.000 Besuchern anwuchs und stets ausverkauft war, ist das nicht anders. Das Flugplatzareal in Neuhausen ob Eck (Landkreis Tuttlingen) und die Wiesen im Umfeld bieten längst die perfekt ausgenutzte Infrastruktur für einen Musik-Supermarkt zwischen formatierten Fressstraßen und Jahrmarkt-Ambiente am Rande der Konzerträume vor gewaltigen Bühnen. Mit Angeboten für Low-Budget-Fans wie VIP-Ticketbesitzer mit Liegestuhl auf der reservierten Aussichtsterrasse der Lounge oder den gehobenen Festival-Camper im luxuriösen „Resort“.

Die Künstler auf den diversen Bühnen sind nur ein Teil eines Lifestyle-Pakets, in dem die Selbstinzenierung der Besucher mindestens ebenso wichtig ist. Kostümparade, Glitzerwangen, Pappschildslogan-Übertreffwettbewerb – alles in Echtzeit via Livestream und Online-Bilderalbum der präsentierenden Medien in die große weite Welt hinausposaunt. Zum Einheitslook gehört bei der 20. Ausgabe auch die gerötete Haut. Dass Sommersonne auch bei 19 Grad brennt, scheint selbst Festivalbesuchern mit höherem Bildungsgrad schwer vermittelbar. Schließlich gibt man am Eingang zum Areal nicht nur seine Gasflaschen und Dosen ab, wenn man denn so naiv war, diese im Gepäck zu haben. Man wechselt bereits auf dem Parkplatz in einen gänzlich anderen Aggregatzustand: gewohnte Denkmuster abschalten, zum Herdentier im Strom der Gleichgesinnten werden, tierisch gut drauf sein.

Feurige Chefs im Ring

Im Zweifel kann man, wenn man in zu großer Partylaune oder auf der völlig falschen Festival-Baustelle war oder ist, einen guten Teil der Konzerte live oder später via Mediathek auf dem Rechner erleben. Bei mancher Band führt dieser mediale Trend dazu, dass die Inszenierung und Dramaturgie eher für die Mattscheibe als fürs jubelnde Publikum gemacht scheint. Die Arctic Monkeys etwa verlieren sich zwischen balladesken Stücken und Crooner-Coolness, treten erst am Ende mit Vollgas auf die Brit-Gitarren-Tube. Da haben sie den Großteil des Publikums verloren, das zuvor bei den Kollegen von Franz Ferdinand noch gejubelt hat.

Unschlagbar, wunderbar, herzzer- und mitreißend und die absoluten Chefs im Ring sind am Festival-Freitag – los ging es am Donnerstagabend mit vier Bands und DJ-Party – sowieso Arcade Fire. Mit glasklarem Sound zelebriert das kanadische Musiker-Kollektiv mit schier grenzenloser Energie ein Best of seiner Songs von Indie-Folk bis Disco-Rock ungebremst, lustvoll und herausragend.

Mit gewaltiger Live-Power haben zuvor auch Kraftklub komplett abgeräumt. Bei ihnen ist die Bühne voll mit Tänzern – am Ende der Show nah am ausgelassenen Happening. Bei der sympathisch durchgeknallten „Let’s Dance“-Alternative spart Sänger Felix Brummer nicht mit Ironie – „Wir sind aus dem Osten, wo wir uns einen Fetten mit Eurem Solidaritätszuschlag machen“ –  und klarer Ansage gegen Fremdenfeindlichkeit und Homophobie, denn „wenn man schon ein Mikrofon in der Hand hat, ist es wichtig, dass man sich positioniert“. Klare gesellschaftspolitische Kante und punkbasierten Rock gibt es auch am Samstag von den Düsseldorfer Broilers, die zur unverzichtbaren Festivalband geworden sind. Da bewegen sich Feine Sahne Fischfilet gerade hin: aggressiv, ungeschönt, direkt. „Was gibt es Peinlicheres als sich über Musik zu definieren“, fragt Sänger Monchi Gorkow, und nutzt den stattlichen Bauch als Perkussionsmedium.

Alles ganz entspannt

Das passt bestens in diesen Festival-Tag, an dem Billy Talent und The Offspring folgen, deren Frisuren sich verändert haben, nicht aber der Klang. Sie erinnern sich an stürmische Zeiten beim Southside. Passend zum etwas kühlen, doch idealen Open-Air-Wetter läuft hier jedoch alles entspannt.

Wohltuend zwischen all den rustikalen Rockbrettern und gefälligen Singer/Songwritern wie James Bay oder George Ezra sind London Grammar. Die Band füllt den Raum inmitten der Deutschland-Spiel-Spannung mit wohltuender Wärme und melancholischer Tiefe – berührend Hannah Reids glockenklare Stimme.

Altmeister Samy Deluxe wiederum zeigt deutlich Flagge, textet mit und gegen den Strom und hat das Publikum in einem der Zelte mit zeitlos gutem HipHop voll am Wickel. Nicht zu toppen als Mega-Publikumsmagnet: Marteria, der rappende Großmeister. Als er die unerreicht große Menge vor der Bühne nach Mitternacht auffordert, die Nacht zum Tag zu machen, klappt das. Denn auf ihn können sich mindestens 80 Prozent der Festival-Besucher einigen. Auch in der zweiten Nacht mit einstelligen Temperaturen wird so noch lange gefeiert.

Nicht ganz so lange geht’s am Sonntag, dem letzten Festivaltag: nach Biffy Clyro, Justice, Boysetsfire und The Prodigy ist um Mitternacht Schluss. Zumindest offiziell und mit der Live-Musik.

Diesmal nicht ganz ausverkauft

Geschichte 1999 war die Geburtsstunde des Southside – dem Veranstalter zufolge mit 15 000 Besuchern. Mittlerweile lockt das Festival auf dem ehemaligen Militärflugplatz Jahr für Jahr rund 60 000 Menschen an. Der Besucherstrom stellt Organisatoren und Polizei vor eine Herausforderung. 7500 Mitarbeiter waren 2018 an den Eingängen, Theken und hinter den Bühnen im Einsatz, dazu hunderte Polizisten und 450 Johanniter. Den Festivalbesuchern standen 550 wassergespülte Toiletten, 667 Dixiklos und 460 Duschen zur Verfügung.

Schwesterfestival Southside und das parallel stattfindende Hurricane im niedersächsischen Scheeßel gehören zu den größten Veranstaltungen für Rock, Independent und Alternative. In Scheeßel mussten die 65 000 Fans zum Teil mit Regenschauern kämpfen. Bei beiden Schwesterfestivals waren dieses Jahr Resttickets übriggeblieben, 2017 waren sie hingegen ausverkauft gewesen. dpa

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