Eine gigantische Hochgeschwindigkeits-Lok in Stromlinienverkleidung schwebt hoch über der Szene - wie ein schwarzer Koloss, wie ein stillgelegtes Monster. Der Geisterzug ist Sinnbild einer Utopie, die zum kollektiven Alptraum wurde. Unter diesem Ungetüm lebt das einfache Volk in Holzbretterbuden mit Stroh. Etwas Wärme verströmt hier nur die Neonschrift über einer Kneipe namens "Proletarische Macht": Treffpunkt eines Häufleins von Bolschewiken, die an der "sofortigen Verwirklichung" revolutionärer Ideen arbeiten.

Und noch ein Symbol für diese vergeblichen Mühen, einen "neuen Menschen" zu kreieren, fällt ins Auge: eine gigantische Windmühle. Denn Kopjonkin und Dvanov, die beiden Hauptfiguren des Romans "Tschewengur" von Andrej Platonov (1928/39), sind nichts anderes als eine sozialistische Variante von Don Quijote und Sancho Pansa. Sie besuchen den Steppenort Tschewengur, wo angeblich der Kommunismus vorbildlich realisiert sei. Es gibt Momente, in denen sich die Riesenflügel dieser Mühle ganz langsam drehen und aus dem Off Musik von Schostakowitsch raunt: bittere Klagen über die Opfer der Revolution. Allein für diese Augenblicke, die uns das spektakuläre Bühnen-Panorama von Aleksandar Denic bietet, lohnt sich diese Aufführung.

Doch wo sind wir? Sicher, im Stuttgarter Staatsschauspiel, wo der von vielen schon ausgemusterte, aber wieder schwer gefragte Berliner Volksbühnen-Chef Frank Castorf nun erstmals inszeniert - Schauspiel-Chef Armin Petras, als früherer Gorki-Intendant ein Weggefährte Castorfs, hat's möglich gemacht. Dort droben auf der (funktionstüchtigen) Drehbühne aber finden wir uns wieder im nachrevolutionären Russland der 20er/30er Jahre. Denn da entstand Andrej Platonovs verbotener Roman, der erst 1972 in Paris und 1988 in Moskau erscheinen konnte. Dass in der Stuttgarter Inszenierung - unter der Highspeed-Lok "Josif Stalin" - in einer Scheune auch ein ausrangierter Lada-Kombi ohne Räder lagert, gehört zu Castorfs typischen Sprüngen zwischen damals und heute. Immer wieder quetschen sich die Revolutionäre, pardon: die Schauspieler, in das abgewrackte Auto, debattieren die Zukunft, proben in Roadmovie-Manier den Aufbruch und müssen doch - in ihrer aufgebockten Schrottkarre - feststellen: "So kommen wir nie nach Colorado!"

Castorfs Romaninszenierungen zeigen - neben der XXL-Dauer - eine wiedererkennbare Handschrift. Auch in Stuttgart passiert das Meiste nicht vor Augen des Publikums, sondern in einem uneinsehbaren Hütten-Komplex, woraus Video-Screens das Geschehen live ins Zuschauerparkett übertragen. Diese Brechung der üblichen Draufsicht vermittelt zwischen Theater und Film - so, dass weite Strecken dieses Abends auch wie großes Kino ablaufen. Sicher, Castorf erzählt diesen Roman, der als negative Utopie des kommunistischen Wegs gilt, nur bruchstückhaft nach. Vor allem entwickelt er mit den Stuttgarter Schauspielern eine freie Fantasie zum Roman. Wobei er die dunkle Sprache Platonovs unangetastet lässt: "Herz und Vernunft verdorren", heißt es da, an andrer Stelle wird "ein unglücklicher, mitten im Leben erstarrter Mensch" beschrieben, ein Bild für das nachrevolutionäre Russland.

Viel Zeit verwendet Castorf darauf, die absurden Debatten des "Revkom", des Revolutionskomitees, zu schildern, aber auch deren fatale Folgen, die Not der Menschen, ihre Verzweiflung, einen Kindsmord, kurzum das "wirre, qualvolle Ende der Revolution".

Die Schauspieler, allen voran Wolfgang Michalek und Astrid Meyerfeldt, zeigen eine beeindruckende Ensembleleistung und steigern sich immer wieder in den Castorf-eigenen, fast hysterischen Tonfall, den die Regie oft ironisch bricht - etwa, wenn Meyerfeldt brüllt: "Ich akzeptiere keinen altgewordenen avantgardistischen Regisseur mehr!" Und ein paar aktuelle Gags wie die Merkel-Raute kann sich Castorf nicht verkneifen. Das letzte Drittel, leider, wirkt dennoch überfrachtet: der Blick nach Afrika, "Sympathy for the devil", aufrauschendes Filmmusik-Pathos und ein endloses Splatter-Massaker an den Tschewengur-Leuten. Nur gut die Hälfte des Publikums hielt bis zuletzt durch. Auch wenn das zähe Ende etwas nervte, gab's kräftigen Beifall. Tragikomisch, turbulent, packend, berührend, philosophisch, grotesk: ein starker Abend zur Geschichte der Menschheit.

Alles Castorf: "Pension Schöller" bis zum Bayreuther "Ring"

Frank Castorf, seit 1992 Chef der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, eckte schon zu DDR-Zeiten am Theater Anklam an. Bahnbrechend waren vor allem seine frühen Volksbühnen-Arbeiten wie "Pension Schöller/Die Schlacht" (1994), aber auch Romaninszenierungen wie Dostojewskis "Idiot". Sein anfangs heftig umstrittener und überwiegend ausgebuhter "Ring" in Bayreuth zieht - mit den spektakulären Bühnenbauten von Aleksandar Denic - auch jüngeres Publikum an. Das vielzitierte Wort vom "Stückezertrümmerer" greift oft zu kurz. Castorfs Vertrag als Volksbühnen-Chef läuft Ende 2016 aus. In die Debatte um den designierten Castorf-Nachfolger Chris Dercon schaltete sich auch Claus Peymann ein - er befürchtete, die Volksbühne werde zu einem "soundsovielten Eventschuppen" verkommen.