Stuttgart Rilling grollt im Abseits

Stuttgart / BETTINA WIESELMANN 05.01.2012
Eskalation im Konflikt um die künftige Leitung der Internationalen Bachakademie: Helmuth Rilling will vorzeitig hinwerfen, wenn der Vorstand nicht zurücktritt. Der aber denkt nicht daran.

Mit einem Paukenschlag hat der 78-jährige Dirigent und langjährige künstlerische Leiter der Internationalen Bachakademie (IBA) in Stuttgart, Helmuth Rilling, sich in die Querelen um seine Nachfolge eingeschaltet: Am 2. Januar sandte Rilling einen Brandbrief an die Mitglieder von Vorstand, Kuratorium und Förderkreis der Bachakademie. Er endet mit den Zeilen: "Für mich ist die Grenze des Zumutbaren erreicht - mit diesem Vorstand kann und will ich nicht mehr zusammenarbeiten. Wenn er im Amt bleibt, werde ich selbst als Akademieleiter zurücktreten."

Dieser Schritt ist bekanntlich im Konsens mit Rilling erst für Mitte 2013 vorgesehen, wenn Hans-Christoph Rademann, der nicht nur von der externen Findungskommission einstimmig vorgeschlagen worden war, sondern ganz oben auch auf Rillings Wunschliste stand, den Dirigentenstab übernimmt. Dass der Vorstand unter Leitung des Rilling-Duzfreundes, Unternehmers und großen IBA-Mäzens Berthold Leibinger mit seiner allein ihm satzungsgemäß zustehenden Entscheidung für Rademann den Fünf-Jahres-Vertrag mit dem Intendanten Christian Lorenz nicht über Februar 2013 verlängert, hatte Rilling zuvor schon heftig kritisiert. Hinter den Kulissen hatte sich auch Lorenz in eigener Sache eingeschaltet.

Jetzt war es der naheliegende Hinweis Leibingers an Rilling, dass die IBA-Leitung "Sorge tragen" müsse, dass Lorenz keine vertraglichen Bindungen über die Dauer seines Anstellungsverhältnisses hinaus abschließen dürfe, die die Nachfolger binden könnten. "Bestehende Verträge müssen in Abstimmung mit Deinem Nachfolger ggf. überprüft und besprochen werden."

Gleichzeitig müsse Rademann schon jetzt in wichtige Entscheidungen eingebunden werden, heißt es in Leibingers Brief vom 20. Dezember. Versöhnlich fügt er an, "ich habe von Herrn Rademann heute gerne gehört, dass zwischen ihm und Dir gestern ein gutes Gespräch stattgefunden hat."

Rilling aber grollt: Solche "Vorschriften" seien ihm in seiner jahrzehntelangen Arbeit für die Bachakademie noch nie gemacht worden. Wahrheitswidrig, wie Insider der SÜDWEST PRESSE versichern, fügt er in seinem Brief an, "ich wurde in die Überlegungen zur Wahl meines Nachfolgers nicht einbezogen." Obschon Rilling wie auch die Mitglieder des Vorstands nicht der Findungskommission angehören konnten, sei er frühzeitig in Gespräche mit Rademann eingebunden gewesen, heißt es.

Der IBA-Vorstand hat Rillings Brief "mit Bedauern und Unverständnis" zur Kenntnis genommen. Er entspräche nicht dem Stand der Kommunikation zwischen dem Vorstand der IBA und dem Akademieleiter: "Es war und ist das Bemühen des gesamten Vorstands, den einvernehmlich auf Mitte 2013 terminierten Wechsel in der Akademieleitung im Konsens mit Helmuth Rilling zu gestalten." Als "nicht akzeptabel" bewertet der Vorstand, dem neben Leibinger zwei weitere private Förderer sowie Vertreter des Landes und der Stadt Stuttgart angehören, die Rücktrittsforderung.

Bei der offiziellen Vorstellung Rademanns am 16. Januar in Stuttgart sollte nach bisheriger Planung auch Rilling zugegen sein. Ohne Aussprache scheint das schwer vorstellbar. Als Leibinger mit seiner Frau am 18. Dezember einer Aufführung des Weihnachtsoratoriums unter Rillings Leitung beiwohnte, würdigte ihn nicht nur Lorenz keines Blicks. Auch Rillings Gattin versagte sich jeden Gruß. "Der Umgang hat uns tief gekränkt. Wir werden uns solchem nicht mehr aussetzen", ließ Leibinger Rilling wissen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel