Humboldt-Forum Reportage aus dem Berliner Schloss

Berlin / Maria Neuendorff 22.08.2018

Ein bisschen vernebelt einem der Baustaub an der trubeligen Karl-Liebknecht-Straße noch die Sinne. Während Arbeiter die letzten Gerüste auf der streng bewachten Schloss-Baustelle demontieren, schreitet Wilhelm von Boddien mit einem Tross Journalisten durch das hohe Portal in den Schlüterhof. „Wer nicht hören will, muss sehen“, lautet die Devise des Mannes, der Anfang der 90er Jahre als „Schlossgespenst“ und „Chef der Schloss-Fälscher-Bande“ bezeichnet wurde. Keiner konnte damals glauben, dass er es schaffen würde, die vom Krieg zerstörte, von der DDR gesprengte Hohenzollern-Residenz auferstehen zu lassen.

Doch nun erhebt sich im Innenhof diese barocke Pracht mit zig Gesimsen und Säulen, Löwenköpfen und Adlern. Die größte Stuckfassade nördlich der Alpen mit 3,5 Millionen Ziegeln und 2100 Figuren erstrahlt in der preußischen Pracht des 18. Jahrhunderts. Drei Flügel wurden originalgetreu rekonstruiert. Mal sind die Fenstergiebel flach, manchmal abgerundet oder haben einen Dreieckshut. Nur die westliche Seite bildet nach dem Entwurf von Star-Architekt Franco Stella mit ihrer schmucklosen Betonoptik einen Gegensatz.

In dem modernen Gebäudeteil  können Besucher schon jetzt in einen Fahrstuhl für 84 Personen steigen und in den fast fertigen zweiten Stock fahren. Dort, wo bald afrikanische Skulpturen ihre neue Heimat finden sollen, hat man aus den hohen Fenstern eine ungeahnte Aussicht auf die Stadt. Unten schippern Dampfer über die Spree. Der Blick reicht bis zu den Springbrunnen am Fuße des Fernsehturms. Im Lustgarten picknicken Touristen.

Nachdem die Werbeplakate an den Bauzäunen abgehängt wurden, haben sie nun einen freien Blick auf die prächtige Nordfassade. Die gelbliche Farbgebung der historischen Wände haben sich die Stuckateure von geretteten Putzbrocken des echten Eosander-Portals abgeguckt, die seit Kriegsende in einem Keller lagerte. „Ein Traum geht heute in Erfüllung“, sagt Boddien, der nun nicht mehr Märchen-Erzähler und Visionär, sondern als Stiftungschef tatsächlich bald so etwas wie ein Schlossherr ist. Wenn weiter alles so Berlin-untypisch gut geht, kann der gigantische Prachtbau in der Mitte der Hauptstadt in einem Jahr Stück für Stück als neues globales Kulturzentrum eröffnet werden. Die Höhlen der Seidenstraße und die Jahrhunderte alten Südseeboote des Ethlogischen Museums sind schon eingezogen. „Sie sind noch verpackt in Kisten und werden in klimatisierten Räumen gut überwacht“, berichtet Hans-Dieter Hegner, Bauvorstand der Stiftung Berliner Schloss.

Alleine schon die Tatsache, dass auf einer Baustelle wertvolles Kulturgut gelagert wird, ist eine einmalige Geschichte. Dass Deutschlands größter Kultur-Bau in Zeiten von Liefer-, Kapazitäten-Engpässen und Vergabeschwierigkeiten immer  noch im Kosten- und Zeitrahmen liegt,  auch. Die  Gesamtkosten von rund 600 Millionen Euro zahlt zu großen Teilen der Bund.

Die 105 Millionen Euro teure historische Fassade muss dagegen mit Spendengeldern finanziert werden. Noch klafft eine Lücke von 20 Millionen. „Wir werden nicht aufhören, bevor wir das Geld zusammenhaben – solange der liebe Gott mich lässt“, sagt von Boddien. Mit 19 habe er zum ersten Mal den Traum vom Wiederaufbau gehegt, berichtet er. Er ist 76 Jahre alt. Am Wochenende darf das Volk die Baustelle besuchen.  Im Innenhof wollen die Philharmoniker ein Benefizkonzert geben. Der Eintritt pro Person kostet 295 Euro. Das Geld wandert in den Spendentopf. Die 1500 Karten sind ausverkauft.

Alle anderen können das Konzert kostenlos im Fernsehen oder vom Berliner Dom gegenüber beim Public Viewing verfolgen. Wenn dann Beethovens Siebte erklingt, passt das, findet von Boddien. „Denn hier wurde die Partitur der Schlüterschen Architektur zurückgeholt“. Der berühmte Hofbaumeister erschaffte sie einst 1699 im Auftrag von Friedrich I. von Preußen. Der  hatte den Ruf, besonders „eitel und glanzsüchtig“ zu sein und einen Hang zu „verschwenderischem Prunk“ zu haben.

Seine alten Sandsteinfiguren wurden mit Hilfe von Fotos, Original-Teilen und 3-D-Computertechnik rekonstruiert und zu 90 Prozent von Steinmetz-Robotern gefertigt. Den Rest übernahmen echte Bildhauer, um durch individuelle Techniken und kleinen Unregelmäßigkeiten den Bau lebendig zu halten. „Eine Sünde haben wir uns aber erlaubt“, verrät von Boddien und zeigt auf einen rasierten Löwenkopf. Ex-Rennfahrerin und Weltenbummlerin Heidi Hetzer hat ihn gespendet. Sie sei aber eine Löwin, hätte sie betont, erzählt Wilhelm von Boddien. So habe man ihr erlaubt, der Figur die männliche Mähne höchstpersönlich mit Hammer und Meißel abzuschlagen.

Ein neues Quartier

Mit dem Humboldt-­Forum im Antlitz des alten Berliner Stadtschlosses entsteht bis Ende 2019 ein neues kulturelles Stadtquartier in der Mitte der Hauptstadt. Durch das Zusammenführen herausragender Sammlungen mit bedeutenden Exponaten, darunter spirituelle Objekte und Kunstwerke aus Asien, Afrika, Amerika wollen Bund, Stadt und die Stiftung Berliner Schloss einen „Ort der Weltkulturen“ schaffen und zu Diskussionen anregen. Schwerpunkt werden die ethnologische und die asiatische Sammlung der Berliner Museen sein. Im Westflügel ist etwa ein japanisches Teehaus geplant, in dem auch echte Zeremonien stattfinden sollen. Dieses besondere Ausstellungsstück wird in Japan geplant, mit Kunsthandwerk versehen, zur Probe dort montiert und dann in die deutsche Hauptstadt gebracht. Zudem ist eine Berlin-Ausstellung ist geplant.

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