Das Geschäft mit Nazi-Kram boomt. Da fällt es schwer, nicht zynisch zu werden. Hitler brummt, ist ein todsicherer Kassenfüller. Bis hin zur neuerlichen Führer-Klamotte "Er ist wieder da". Lachen befreit, heißt es, entwaffnet selbst die schlimmsten Dämonen.

Auch bei der Gruppe Rimini Protokoll, seit gut 20 Jahren auf der Suche nach neuen Formen des Dokumentar-Theaters, darf gelacht werden. Aber sonst will ihr neues Bühnenstück unter dem betont sachlichen Titel "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" eher Tatsachen sammeln. Den Mythen-Nebel lichten. Der Anlass liegt auf der Hand: Weil der Urheberschutz Ende des Jahres ausläuft, darf das Buch ab 2016 wieder gedruckt werden. Nach der Uraufführung in Weimar war das Stück schon in Graz, München und Zürich zu sehen, jetzt auch am Nationaltheater Mannheim.

So trägt der Abend über ein Buch, das bis Kriegsende 12,5 Millionen Auflage erzielte, eine Fülle von Fakten zusammen - allen Bedenken und Berührungsängsten zum Trotz. Ganz cool. Geht das? Nein, weil es Überwindung kostet, sich mit einem Pamphlet zu befassen, das die spätere "Ausrottung" der Juden ideologisch begründet. Aber auch: Ja, weil es wohl der einzige Weg ist, den Legenden-Müll um das Buch mal wegzuräumen und den Blick frei zu machen.

Was erleben wir? Eine alles in allem spannende Recherche-Bilanz, voll gepfropft mit Daten und Zahlen, aufgelockert durch Schmankerln am Rande und unterhaltsame Fragespielchen. Wie immer bei Rimini Protokoll sind es keine Schauspieler, sondern "Experten des Alltags", die auf der Bühne agieren - eine Richterin, eine Anwältin, ein Buchrestaurator, ein israelischer Jurist, ein türkischer Rapper und ein blinder Radioredakteur, der immer wieder in beklemmend ruhigem Märchentonfall Passagen aus dem Buch liest, mit den Händen in Braille-Schrift tastend. Wir erfahren, dass die NS-Propaganda nichts dagegen hatte, wenn die "schlichte Hausfrau" das "Buch der Deutschen", das auch zu Trauungen gereicht wurde, "mit Bibel und Kochbuch aufbewahrt". Wir sehen den Buchrestaurator, wie er unter dem sich türmenden Stapel aus erhältlichen Buch-Exemplaren - darunter auch Gauleiter-Ausgaben in Leder, Übersetzungen aus Marokko, Indien und Indonesien - schier zusammenbricht. Und erschrecken über fatale Zusammenhänge, die sich zu den aktuellen Anschlägen in Frankreich ergeben. Auch Othmar Plöckinger, einer der Wissenschaftler, die an der geplanten kommentierten Ausgabe mitarbeitet, kommt per Video zu Wort.

Und um den Tatbestand der Volksverhetzung zu vermeiden, dürfen die Akteure das Buch nur einer einzigen Zuschauerin in Reihe 5, Platz 7, zum Lesen weiterreichen. Gut, der Abend hat auch Längen. Kein Wunder, denn die Leere, die sich phasenweise breit macht, liegt im Werk selbst begründet. Und oft genug erinnert Hitlers Grundgestus - die Rechtfertigungsschrift eines Gescheiterten - fatal an all die Weltverschwörungs-Theoretiker heutiger Tage, die auf Facebook oder sonstwo ihre Hass-Predigten verbreiten. Kurzum, der lange Aufenthalt in der Tabu-Zone "Mein Kampf" - er lohnt sich. Lang anhaltender Beifall.

Neue Formen des Dokumentartheaters

Rimini Protokoll Das Berliner Kollektiv erprobt seit 20 Jahren neue Formen des Dokumentartheaters. So erklärte die Gruppe eine Daimler-Hauptversammlung zum Theaterstück oder lässt Zuschauer zu Delegierten einer "Welt-Klimakonferenz" werden. Bei den Recherche-Projekten von Rimini Protokoll agieren Nicht-Schauspieler auf der Bühne. Menschen, die ihr Wissen als "Experten des Alltags" einbringen. Rimini Protokoll war 2007 in Stuttgart an der Reihe "Endstation Stammheim" beteiligt. Seit 2013 ist "Qualitätskontrolle" unterwegs, der Monolog einer vom Hals an abwärts gelähmten Frau. In allen Stücken, so Experten, gehe es um eine "Neudefinition des dokumentarischen Theaters".