Stuttgarter Ballett Reid-Anderson-Festwoche: Ende mit Schmankerl

Elisa Badenes in „Limelight“.
Elisa Badenes in „Limelight“. © Foto: Stuttgarter Ballett
Stuttgart / Wilhelm Triebold 18.07.2018

Wenn vor der Vorstellung jemand mit einem Mikro in der Hand an den Bühnenrand tritt, verheißt das meistens nichts Gutes. Dann wird mit sorgenvoller Miene verkündet, dass dieser oder jener Künstler heute leider unpässlich sei oder irgendwas anderes den reibungslosen Ablauf der Vorstellung verhindere.

Wie oft hat der Stuttgarter Ballettchef Reid Anderson das wohl machen müssen während der vergangenen 22 Jahre, an mehr als 2000 Abenden? Bei der Premiere von „Party Pieces“, als Teil der sogenannten „Reid Anderson Celebration“ zum langen Abschied des Intendanten, gab’s für ihn am Montag gleich einiges mitzuteilen. Erst hatte keiner, was praktisch nie vorkommt, rechtzeitig die obligate Feuerwache bestellt, weshalb es gleich mal etwas später losging. Dann war ein Halbsolist ausgefallen, dessen Rolle ein anderes Ensemblemitglied heldenhaft am selben Tag einstudierte.

Die eigentliche Hiobsbotschaft war indessen, dass Jason Reilly, der „Kran von Toronto“, es so sehr im Kreuz hatte, dass er zu seinem Solo nicht antreten konnte. Aber auch das brachte Reid Anderson nicht aus der Fassung – er kündigte einfach eine großartige improvisierte Überraschung für den Schluss an. Und rief erleichtert aus: „In einer Woche bin ich Rentner!“

Die „Party Pieces“ sind Gelegenheitsstücke, wie sie zu besonderen Anlässen entstanden, zum Beispiel zum 60. Geburtstag des Ballett-Intendanten vor neun Jahren. Und doch spiegeln sie auch die zwei Jahrzehnte, die Anderson geprägt hat: Von den frühen „Kazimir’s Colours“ (1996 die zweite von 131 Uraufführungen in Andersons Amtszeit) bis hin zum Pas de deux „Arcadia“ (Nummer 122, aus dem Jahr 2016). Dazu gab es einige Wiedergänger der Kabinettstückchen-Bestandsaufnahme „Made in Germany“ von vor fünf Jahren.

Die Auserwählten aus der Stuttgarter Compagnie tanzten wiederum durch die Bank hinreißend. Und mussten sich doch von einem Ehemaligen die Schau stehlen lassen: Der ungemein athletische Daniel Camargo, wie der andere Stargast Marijn Rademaker inzwischen zum Niederländischen Nationalballett abgewandert, stemmte Katarzyna Kozielskas Solo „Firebreather“ derart
kraftvoll in den Bühnenhimmel, dass einem beinahe schwindelig wurde.

Und das versprochene Schmankerl am Schluss? Primaballerina Alicia Amatriain hatte sich, nachdem Partner Reilly ausfiel, schnell noch mal Demis Volpis Solo „Allure“ einverleibt (das tanzte vor fünf Jahren noch Hyo-Jung Kang). Amatrian war grandios, mit Fluidum und Gespür fürs Sinnliche: Wenn man so will, das Sahnehäubchen auf dem guten Dutzend Partyhäppchen. Großer Jubel.

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