Berliner Philharmoniker Rattle: Eigentlich geht er ja gar nicht

Applaus auch vom Orchester: Sir Simon Rattle gab sein letztes Konzert als Chefdirigent in der Berliner Philharmonie.
Applaus auch vom Orchester: Sir Simon Rattle gab sein letztes Konzert als Chefdirigent in der Berliner Philharmonie. © Foto: Annette Riedl
Berlin / Von Christoph Müller 22.06.2018

Die 128 Mitglieder des Orchesters der Berliner Philharmoniker wählen ihren Chefdirigenten selber. Und das gilt dann in der Regel auf Lebenszeit. Niemand anderes von Geldgeber- und Staatsseite hat da  mitzubestimmen – nicht auszudenken, wenn Fußballer ihren Trainer in Eigenregie ernennen dürften! Die Berliner Philharmoniker gelten gemeinhin als das beste Orchester der Welt, doch sagen wir sicherheitshalber: von Deutschland. Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan und Claudio Abbado heißen die legendären Vorgänger von Sir Simon Rattle. Die beiden Erstgenannten starben im Amt, Abbado trat aus Krankheitsgründen zurück.

Der 63-jährige Simon Rattle, obwohl körperlich und geistig quicklebendig, wollte aber einfach nicht mehr. Ihm reichten 16 Jahre Dauerstress. Er sagt: „Es geht nicht nur darum, dass man nicht zu lange bei einem Orchester bleiben sollte. Auch das ist richtig. Aber man muss sich auch fragen, wie man das eigene Leben leben will. Schließlich geht es in der Musik um das Leben – und nicht umgekehrt.“ Dabei liebt er Berlin über alles und bleibt deshalb auch hier wohnen mit seiner Familie, seiner Frau, der tschechischen Weltklasse-Mezzosopranistin Magdalena Kozena, und ihren zwei Kindern.

Der in Birmingham Geborene formte in seiner stürmischen Dirigentenjugend aus dem Orchester seiner Heimatstadt einen so guten Klangkörper, das sich deren Aufnahmen heute noch auf dem Plattenmarkt behaupten. Jetzt geht Rattle von Berlin aus halt nur zum Arbeiten in die britische Brexit-Metropole, um das  bislang sich nicht gerade mit Weltruhm bekleckernde London Symphony Orchestra als Heilsbringer aufzumischen. Man hat ihn gelockt mit einem Konzerthaus-Neubau, aus dem aber nichts wird.

Bei den verwöhnten Berliner Philharmonikern hatte Rattle sich in den ersten Jahren freilich nicht nur Freunde gemacht mit seinem Programm, das dezidiert nicht nur aus der Pflege großer Klassiker bestand, sondern stattdessen liebend gern zu leichterer Kost neigte wie Gustav Holsts „Planeten“ oder Edgar Elgars „Pomp and Circumstances“. Auch was die Moderne betraf, vergab er Uraufführungsaufträge vorzugsweise an harmlose Neutöner, die sich beispielsweise in Hollywood einen Namen mit der Begleitmusik zu „Tom und Jerry“-Zeichentrickfilmen gemacht haben. Das Publikum hat das sehr gemocht, die Musiker aber hätten wohl lieber mehr Bruckner gespielt.

Rattles multikulturelle pädagogische Ader machte Schule mit seinem hinaus ins normale Menschenleben strebenden  Education-Konzept, dessen Höhepunkt erreicht war, als er Strawinskys „Sacre du Printemps“ von 250 Kindern aus armen Familien in einer Arena vertanzen ließ: „Rhythm is it!“ Auch vermarktungstechnisch durfte nichts anbrennen: Live in der Digital Concert Hall, dem Online-Konzertsaal der Philharmoniker, kann man weltweit an den fast immer ausverkauften  Aufführungen in der Philharmonie teilnehmen. Auch Übertragungen ins Kino sorgen für Publikumsvermehrung.

Der Alleswoller und Fastalleskönner hatte unter den Klassikern einen Lieblingskomponisten: Joseph Haydn. Den brachte er mit leichter Hand zum Schweben, und Haydns „Schöpfung“ würde er als einziges Musikstück mit auf die einsame Insel nehmen. Mit Wagner hatte er so seine Schwierigkeiten. Auch Bach, also das glatte Gegenteil, wurde nie richtig seins. Am häufigsten in den 16 Jahren aufgeführt hat er die 2. Sinfonie von Brahms (34 mal), gefolgt von Beethovens „Neunter“ (26) und Strawinskys „Sacre“ (21); unter die Top Ten schafften es immerhin auch Alban Berg und Anton Webern – doch nicht einmal unter den ersten 20 ist ein Mozart!

Von ganzem Herzen

Mit Mahlers welt(raum)umspannend herber 6. Sinfonie verabschiedete sich der Chefdirigent nun an zwei Abenden von der Philharmonie. Damit schloss sich ein Kreis, denn mit diesem erdrückend wuchtigen Werk (sechs Pauken, zehn Bässe, fünffach besetzte Holzbläser, Kuhglocken, Holzhammer) hatte er vor 31 Jahren bei den Philharmonikern debütiert. Rattle ist ein Meister des Finales, da holt er aus dem Orchester bis zum Exzess das Letzte heraus. Danach hätte er am liebsten jeden einzelnen der über hundert Musiker auf offener Bühne umhalst. Und das Publikum gleich mit. Er griff zum Mikrofon,  den Tränen nahe: „Das wunderbare Berliner Publikum werde ich für immer tief in meinem Herzen bewahren!“

Der große Publikumsliebling, sich aus ganzem Herzen zum Berliner erklärend („Aber Deutscher bin ich nicht!“), bleibt der Stadt de facto auch kunstausübend erhalten. Denn in der nächsten Spielzeit dirigiert er, nun als Gast, mit je zwei Programmen sowohl seine Berliner Philharmoniker als auch deren stärkste Konkurrenz, also Barenboims Staatskapelle, dort mit einer Rameau-Oper und, aber klar doch, unter anderem einer Haydn-Sinfonie. Welcome back at home, Sir Simon!

Live von der Berliner Waldbühne

Fernsehen Am Sonntag, 20.15 Uhr, überträgt der Kultursender 3sat live das allerletzte Konzert des Chefdirigenten Sir Simon Rattle: ein Open Air der Berliner Philharmoniker von der Waldbühne mit lauter kleinen Häppchen inklusive Respighis „Pini di Roma“. Den üblichen Rausschmeißer bildet dann die „Berliner Luft“ von Paul Lincke. Aber diesmal wird’s sicher nochmal urbritisch: „Pomp and Circumstances“ for ever!

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel