Literaturwoche Rassismus in Deutschland: Gott sei Dank eine deutsche Freundin

Der Journalist Mohamed Amjahid.
Der Journalist Mohamed Amjahid. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Igor Steinle 26.04.2017

Mohamed Amjahids marokkanische Mutter war sehr glücklich darüber, dass ihr Sohn eine deutsche Freundin gefunden hatte. Vor allem: Dass ihr Sohn eine weiße Freundin gefunden hatte. Sie malte sich schon „erfolgreiche, schlaue und privilegierte“ Enkelkinder aus. Das sind die Eigenschaften, die seine Mutter mit weißer Hautfarbe verbindet. In Afrika gilt sie als die Farbe der Herrschenden.

Amjahids Beziehung ist inzwischen zerbrochen. Die kolonialen Denkmuster in den Köpfen der Menschen hingegen bestehen weiterhin. So hat Amjahid es in seinem Buch „Unter Weißen“ aufgeschrieben, dass er zum Auftakt der Literaturwoche am Montag in der Museumsgesellschaft vorstellte.

Der „Zeit“-Journalist erzählt darin vom alltäglichen Rassismus, mit dem er als Dunkelhäutiger in Deutschland aufgewachsen ist und dem der gebürtige Frankfurter noch heute begegnet. Zusammenfassen könnte man das Problem mit dieser seinen schmerzhaften Erfahrung: „Obwohl ich für die größte Wochenzeitung Deutschlands arbeite, bin ich erst einmal Mohamed.“

Das ist dem 28-Jährigen bei seinen Recherchen nach den Übergriffen überwiegend nordafrikanischer Jugendlicher während der Kölner Silvesternacht oder auch während des Empfangs syrischer Kriegsflüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof aufgefallen: Die Menschen, die er traf, hielten ihn für einen „Nafri“ oder Flüchtling, nie für einen Journalisten.

Rassistische Vorurteile sind allerdings nicht erst seit den Ereignissen der Kölner Silvesternacht in die Köpfe der Menschen geraten. Das ist dem politischen Anthropologen wichtig festzustellen. „Wer gehört dazu, wer gehört nicht dazu“ – diese Debatte werde schon viel länger geführt.

Schon als Kind seien Deutsche mit ihm umgegangen, als gelte es, ihn zu zivilisieren: Im Supermarkt wollte man ihm zu seinem Erstaunen beibringen, wie man richtig Schokolade kauft. Und auf der Straße erklärte man ihm mit Händen und Füßen, was ein Radweg ist. Dieses Verhaltensmuster setze sich im Umgang mit Flüchtlingen heute fort: „Da kommen Leute hierher, die ihr Leben für die Freiheit riskiert haben, und werden hier dann paternalisiert.“

In politisch aufgewühlten Zeiten haben die Veranstalter der Literaturwoche mit diesem Auftakt ein deutliches Zeichen gegen Rassismus gesetzt. Dabei hatten sie noch eine andere Debatte im Sinn: „Inzwischen gibt es mehr Länder, in denen die Presse- und Meinungsfreiheit eingeschränkt ist, als solche, in denen das nicht der Fall ist“ sagt Veranstalter Florian L. Arnold. Noch vor der Lesung las sein Partner Rasmus Schöll aus einem Brief des in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel vor, den dieser im Gefängnis verfasst hat.

Info Heute stellt Anna Kim ihren Roman „Die große Heimkehr“ um 19.30 Uhr in der Museumsgesellschaft vor. Das ganze Programm: literatursalon.net