Buchbesprechung Reiner Boller: Der Wilde Westen aus Germany

Ulm / Christoph Alexander Schmidberger 21.03.2018
Reiner Boller legt ein für Westernfans und Filmhistoriker attraktives Kompendium vor: „Wilder Westen made in Germany.“

Auch wenn das kollektive Gedächtnis für europäische Western von der Karl-May-Welle sowie die von Italien und Spanien produzierten Django, Sartana & Co. dominiert wird, gab es lange vor dem „Der Schatz im Silbersee“ (1962) eine deutsche Tradition des Westernfilms. Dieser Tradition folgt nun Reiner Boller „Wilder Westen made in Germany“.

Der Westerwälder Betriebswirt hat sich mit akribisch recherchierten Biografien zu Lex Barker und Martin Böttcher einen Namen gemacht. Wer sich bislang dem Thema nähern wollte, musste Speziallektüren lesen, etwa Joe Hembus’ Western-Lexikon oder die Werke von Michael Petzel (Karl-May-Film) und Ulrich P. Bruckner (Italowestern).

Insofern leistet das Kompendium eine verdienstvolle Pionierarbeit, denn die 500 Seiten decken so gut wie alles ab, was jemals in Deutschland und dem deutschsprachigen Ausland produziert wurde. Eher kursorisch finden heute überwiegend vergessene Fließbandwestern bis 1933 Behandlung, wie „Bull Arizona – Der Wüstenadler“ (1919).

Im Dritten Reich gelang dem Bergsteiger und Filmemacher Luis Trenker mit „Der Kaiser von Kalifornien“ sogar ein teilweise in den USA gedrehter Western. Eine Hans Albers als Shatterhand vorsehende Winnetou-Adaption („Die ewigen Jagdgründe“) wurde jedoch wegen des „totalen Kriegseinsatzes“ von Goebbels im August 1944 abgelehnt.

Formale Schwächen

In den 1960ern gab es Verfilmungen der Abenteuerschriftsteller Gerstäcker und Cooper sowie am US-Vorbild orientierte Edelwestern wie „Sie nannten ihn Gringo“. Und Sergio Leones Kultfilme „Für eine Handvoll Dollar (1964) und „Für ein paar Dollar mehr“ (1965) entstanden als deutsche Ko-Produktionen.

Bis in die 1980er gab es die Indianerfilme der DEFA mit Gojko Mitic, 2001 vollbrachte die Parodie „Der Schuh des Manitu“ ein kleines Kinowunder. Selbst Art­house-Kino mit Südamerikabezug wie Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ (1982) fand Eingang.

Boller, der Szene-Stars interviewte und Archive beackerte, überzeugt auf der formalen Seite weniger: Eine Einleitung mit Methodenreflexion fehlt, das Nachwort ist zu spärlich, Archivalien werden ohne Signaturen zitiert. Unterm Strich bleibt trotzdem ein für Western-Fans und Filmhistoriker attraktiver Schmöker.

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