Uttwil / Von Kathrin Drinkuth (Text) und Felix Kästle (Foto), dpa  Uhr

Das Rätsel macht Urs Leuzinger sichtlich Spaß. „Ich habe so etwas wirklich noch nie erlebt“, sagt der Archäologe. „Wenn wir etwas ausgraben, wissen wir normalerweise grundsätzlich, um was es sich dabei handelt.“

Doch genau das ist bei 170 Steinhügeln auf dem Seegrund vor dem Schweizer Bodenseeufer nicht der Fall. Wer sie errichtet hat, wie genau sie konstruiert wurden und wann sie entstanden sind - über diesen Fragen grübelt Projektleiter Leuzinger mit seinem Team vom Amt für Archäologie des Kantons Thurgau bereits seit einigen Jahren. An diesem Freitagvormittag steht der Forscher neben einem Rohr mit einer Sedimentprobe aus dem Seegrund und hofft auf weitere Hinweise auf die Entstehung und den Zweck der Formation.

Entdeckt wurden die Hügel, die rund viereinhalb Meter tief im Wasser und in regelmäßigen Abständen in einer Reihe stehen, eher zufällig. Im Auftrag der Internationalen Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) hatte ein Forscherteam aus Deutschland, Österreich und der Schweiz den Bodensee neu vermessen - ein Forschungsschiff tastete 2015 mithilfe eines Fächerecholots den Seegrund ab. Bei der Auswertung der Daten fielen die Erhebungen dem Wissenschaftler Martin Wessels vom Institut für Seenforschung in Langenargen auf. „Wir dachten ursprünglich, dass das Störungen bei den Messungen sind“, sagt er. Aber als das Team erneut nachgemessen hatte, stellte sich heraus, dass es sich um echte Strukturen handelte.

Da die Hügel in der Flachwasserzone zwischen Romanshorn und Bottighofen liegen, ging die Zuständigkeit an die Schweiz über. Der Fall der rätselhaften Steinformationen landete auf dem Schreibtisch von Urs Leuzinger - und aus den Hügeln wurden schweizerdeutsch „Hügeli“. Dabei sei die Bezeichnung eigentlich irreführend, sagt der Archäologe. „In Wirklichkeit sind sie recht flach, also eher Fladen.“ Aber wie kamen sie dahin? Ursprünglich habe es noch die Theorie gegeben, dass es sich um natürliche Ablagerungen eines Gletschers vor 18.000 Jahren handeln könnte, sagt Leuzinger. Untersuchungen mit einem Georadargerät der Technischen Universität Darmstadt hätten aber ergeben, dass die Hügel von Menschenhand aufgeschüttet wurden.

Um den Zeitraum des Baus eingrenzen zu können, hat Leuzinger gemeinsam mit dem Geologen Flavio Anselmetti von der Universität Bern in den vergangenen Tagen Sediment aus den Hügeln entnommen. Bis zu acht Meter haben die Wissenschaftler dafür in den Seegrund gebohrt und mehrere Proben heraufgeholt. Im besten Fall finden sie darin organisches Material wie zum Beispiel Zweige, Holzkohle, Samen oder Früchte. Solche Reste könnten mithilfe einer Radiokarbon-Analyse datiert werden, sagt Anselmetti. Dadurch könnte man auch die Bauzeit der Hügel enger eingrenzen.

Bisher setzen die Wissenschaftler auf einen zeitlichen Bereich zwischen 5000 und 0 vor Christus. „Das reicht uns aber nicht“, sagt Leuzinger. „Wir wollen es genauer wissen.“ Er selbst tippt darauf, dass die Erbauer der Hügel aus Pfahlbausiedlungen in der Bronzezeit stammen, also rund 1000 Jahre vor Christus gelebt haben. Genaueres wisse man aber erst nach der Untersuchung der Sedimentproben. Mit ersten Ergebnissen rechnen die Wissenschaftler im Herbst. Der Archäologe schätzt zudem, dass der Bereich der Hügel damals in flacherem Wasser gelegen hat. „Ich gehe davon aus, dass das Wasser den Menschen damals maximal bis zum Bauchnabel ging.“

Die Frage nach dem Warum ist da schon komplizierter. „Es kann sein, dass wir das nicht lösen werden“, sagt Leuzinger. Bisher gibt es verschiedene Theorien: Manche gehen davon aus, dass es sich um Wehranlagen handelte, andere vertreten die These, dass die Reihe von Hügeln eine Art Transportweg bildete. Und dann gibt es noch die Vorstellung eines „Stonehenge vom Bodensee“.

Leuzinger muss schmunzeln, wenn er den Begriff hört. Einen astronomischen Bezug halte er für unwahrscheinlich, sagt er. Seiner Meinung nach könnte es aber durchaus einen kultischen Hintergrund für die Hügel geben. „Sie könnten zum Beispiel als Begräbnisplattform oder als Denkmal für Verstorbene genutzt worden sein.“