Tanz Performance „My name is . . .“: Tanzende Flocken statt Schwere

Gefangen? Befreit? Ines Meißner als Patientin in ihrer eigenen Kunstschnee-Welt.
Gefangen? Befreit? Ines Meißner als Patientin in ihrer eigenen Kunstschnee-Welt. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Claudia Reicherter 02.01.2017

„Fünfzehn Minuten Tanzen hilft gegen Demenz.“ Darauf weist Domenico Strazzeri zum Schluss seiner einstündigen Jahresend-Performance im Ulmer Stadthaus sehr ernsthaft hin. Denn in dem Stück widmet sich der Choreograf und Begründer der Neu-Ulmer Strado Compagnia Danza einem schwierigen Thema, das er aus nächster Nähe, aus dem engsten Familienkreis kennt: Alzheimer und Altersdemenz.

Auch die vier Performerinnen, mit denen zusammen Strazzeri „My name is . . .“ seit September erarbeitet hat, sowie das Team aus Assistentinnen, Bühnen- und Kostümbildnerinnen im Hintergrund verknüpfen teilweise persönliche Erfahrungen mit der Krankheit, die zwar häppchenweise, aber doch unabwendbar ins Vergessen führt.

Hanna Münch schrieb die Texte zum Tanztheater, nachdem sie in einer Demenz-WG hospitiert hatte. Live auf der Bühne gesprochene oder aus dem Off erklingende Stimmen verorten die Szenen, die das eher abstrakte Thema bebildern. Die 38-Jährige wirkte schon in vielen Strado-Produktionen mit. Nie ließ sich ein Hehl daraus machen, dass sie über weniger tänzerische Praxis als ihre Kolleginnen verfügt. Das macht aber nichts: Leonie Walter (19), Ines Meißner (31) und Katharina Krummenacher (62) überzeugen als Vertreterinnen verschiedener Lebensabschnitte derart, dass das Quartett keiner vierten Tänzerin bedarf.

Und wenn Hanna Münch im Nachthemd mit Stofftierhandtasche auf einen Zuschauer zugeht, ihn nach seinem Namen fragt und danach zunehmend verzweifelt murmelt, „mein Name ist . . . ähm  . . . ich heiße . . .“, dann ist klar, wie sehr sie sich auf ihre eigene Kernkompetenz verlassen kann – die Schauspielerei. Damit berührt sie ebenso wie Winter, die kraftvoll tanzend verdeutlicht: „Mein Herz ist doch nicht dement!“; wie Meißner, die bezaubernd unter herabrieselnden Schneeflocken die Frage aufwirft, ob Alzheimerkranke in ihrer eigenen Welt gefangen oder vielmehr befreit sind?; und Krummenacher, die ausdrucksstark-elegant einen partnerlosen Erinnerungs-Pas-de-deux aufs Parkett legt. Vom flotten Vierer-Rollator-Boogie ganz zu schweigen.

Strazzeri gelingt es in „My name is . . .“, die Schwere der gewählten Thematik mit der Leichtigkeit tänzelnder Flocken (Bühne: Katrin Schwager) auch im nichtchronologischen Vorbeirieseln der einzelnen Szenen zu verweben. Passend dazu erscheinen die grauen Kleider (Kostüme: Christina Schlumberger) der Tänzerinnen je nach Licht auch mal peppig gelb oder harmonisch grün. Und die Klavier-, Keyboard- und Akkordeon-Klänge vom Band (Musik: Florian Lipphardt, Joao Hoyler Correia) variieren von bedrohlich-disharmonisch bis fröhlich-frech.

Das Premieren-Publikum nimmt diesen Demenz-Tanzabend begeistert auf – und den Hinweis des Strado-Chefs am Ende von „My name is . . .“ interessiert an. Eine Besucherin hakt sogar noch nach: „Fünfzehn Minuten? Pro Tag?“ Domenico Strazzeri bejaht: „Stimmt wirklich.“

Neun weitere Termine im Stadthaus

Aufführungen

Diese Woche am 4., 5., 6., 7., 8. und kommende von 12. bis 15. Januar, jeweils 20 Uhr, ist „My name is . . .“ wieder im Stadthaus-Saal zu sehen. Tickets dafür gibt es im Vorverkauf im Stadthaus, Ebene 3, bei SWU traffiti im Service Center Neue Mitte, Tel. (0731) 166 21 77. Reservierungen für die Abendkasse unter Tel. (0172) 677 99 84.

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