Bamberg / DANIEL STAFFEN QUANDT, EPD  Uhr
Er ist einer der bekanntesten Kinderbuchautoren und der Vater des Sams: Paul Maar setzt sich mit verschiedenen Projekten für die Integration von Flüchtlingen ein. Ein zentraler Punkt ist dabei die Sprache.

Herr Maar, was lag bei Ihren Enkeln unterm Christbaum? Ein signiertes Exemplar von "Ein Sams zu viel"?
PAUL MAAR: Verschiedenes. Meine Enkel sind allerdings nicht mehr so jung, dass sie die eigentliche Zielgruppe für meine Bücher sind - sie müssten aber auch nicht bis Weihnachten darauf warten. Sobald ich ein neues Buch veröffentliche, bekommen auch alle unsere Kinder und Enkelkinder gleich ein Exemplar. Bei "Ein Sams zu viel" war das im Sommer 2015.

Aber Lesen hat in Ihrer Familie als erfolgreicher Buchautor doch sicher einen hohen Stellenwert?
Ja, aber ob das unbedingt an meinem Beruf liegt, das weiß ich nicht. Meine Kinder haben auf jeden Fall immer mitbekommen, wie und an was ich arbeite. Wir haben oft schon am Frühstückstisch darüber diskutiert, wenn ich zum Beispiel mal nicht wusste, wie eine Geschichte weitergehen oder aus welcher Perspektive ich sie erzählen soll. Diese Erfahrung, dass Literatur auch eine Art Handwerk ist, hat sicher mit dazu geführt, dass zwei unserer Kinder Schriftsteller wurden.

Lesen die Kinder in Deutschland Ihrer Meinung nach noch genug? Manche Leute sind der Meinung, dem sei nicht so.
Ich denke das mittlerweile auch, leider. Die Schere klafft immer weiter auseinander. Wenn ich vor rund 20 Jahren in eine Schulklasse zum Vorlesen gegangen bin, gab es immer vier bis sechs Kinder, zumeist Mädchen, die wirklich viel und gerne gelesen haben - der Rest hat sich Asterix-Comics angeguckt, gelegentlich auch ein Buch. Diese vier bis sechs haben sich montags in der Schulbücherei ein Buch ausgeliehen - und am Mittwoch waren sie schon fertig damit. Heute gibt es in manchen Klassen vielleicht noch drei Kinder, die viel lesen - dann aber drei Bücher in drei Tagen, während der Rest der Klasse mit Büchern kaum etwas anfangen kann.

Drei Bücher in drei Tagen? Das hat aber auch nicht mehr viel mit intensivem Lesen zu tun, das funktioniert doch nur oberflächlich . . .
Das habe ich auch lange gedacht. Inzwischen bin ich anderer Meinung. Die Kinder, die heute noch lesen, lesen leidenschaftlich gerne und ungeheuer schnell. Meine Enkelin Antonia hat mich überzeugt. Als sie an nicht mal einem Nachmittag ein neues Buch von mir durchgelesen hatte, wollte ich ihr das erst nicht glauben - also habe ich ihr Testfragen gestellt, auch zu kleinen Details. Sie wusste alles. Diese lesehungrigen Kinder haben eine eigene Lesetechnik, die ich nicht beherrsche, aber sie lesen die Bücher wirklich. Leider sind diese Kinder klar in der Minderheit.

In den 90er Jahren haben sicher auch noch Viertklässler "Sams"-Bücher gelesen. Wie ist das heute?
Anders (lacht). Wenn ich früher in eine vierte Klasse gekommen bin und erzählt habe, dass ich ein neues Sams-Buch geschrieben habe, sollte ich immer sofort daraus vorlesen. Heute würde ich vor allem von der Mehrheit der Mädchen, die dann teils schon leicht geschminkt in den Tischreihen sitzen, ziemlich verwundert angeguckt. "Das ist aber doch ein Kinderbuch", wäre wohl noch das Netteste, was sie sagen würden. Das Leseverhalten der Kinder geht sozusagen auch mit der Zeit.

Nur im Hinblick auf die vermeintlich kindlichen Themen, oder auch was Länge und Komplexität der Texte angeht?
Nein, leider auch was die Länge und Komplexität angeht. Ich höre in zweiten Klassen beispielsweise oft, dass die Kinder begeistert sind, wenn die Lehrerin oder der Lehrer aus den Sams-Büchern etwas vorlesen. Und wenn man dann fragt, ob auch jemand selbst schon mal ein "Sams"-Buch gelesen hat, kommt oft: "Nö, das ist so eng geschrieben, und farbige Bilder sind auch keine drin." Das ist sehr schade. Deswegen erzähle ich meine "Sams"-Geschichten jetzt für Erstleser-Geschichten nach. Die Sätze werden kürzer und auch einfacher, die Zeilenabstände größer, und es gibt farbige Bilder.

Wie führt man Kinder überhaupt richtig an das Kulturgut Buch heran? Vorlesen, vorlesen, vorlesen? Oder "Lesen vorleben" ?
Es ist eine Mischung aus beidem. Ich will ein Beispiel nennen: Ich war mal in einer Grundschule zu Gast, da gab es zwei dritte Klassen. In der einen waren die Kinder ganz aufgeregt, dass ein Autor zu ihnen kommt, die haben erzählt, was die Lehrerin alles vorliest, was sie alles lesen, die Lehrerin hat erzählt, was sie liest - die Parallelklasse war das krasse Gegenteil. Keiner hatte wirklich Spaß am Lesen oder Lust dazu. Im Nachgespräch mit dem Lehrer stellte sich dann heraus: Er liest auch zuhause nichts, dafür habe er ja keine Zeit. Da merkt man die Funktion des Vorbilds: Die Lehrerin erzählt ihrer Klasse begeistert vom Lesen, die Unlust des Lehrers überträgt sich hingegen unbewusst auf die Kinder.

Aber Sie selbst haben ja zu lesen begonnen, obwohl sie zuhause keine Kinderbücher hatten und Ihr Vater das Lesen als Zeitverschwendung ansah . . .
Ja, das stimmt schon. Aber ich denke nicht, dass das der normale Gang der Dinge ist. Kinder orientieren sich an Vorbildern, an Lehrern und an Eltern. Und wenn die den Kindern kein positives Gefühl zum Vorlesen und Lesen vermitteln, dann wird daraus meistens nichts. Schön ist auch, wenn Eltern nicht nur vorlesen, sondern auch Geschichten erzählen. In dieser Zeit widmen sich die Eltern mal ganz dem Kind.

Vor zwei, drei Jahren haben die Buchverlage große Hoffnung in E-Books für Kinder gesetzt. Ist das die Lösung? Der Markt stagniert ja.
Mich wundert das nicht. Ich glaube an das gedruckte Buch, das man abends mit ins Bett nimmt, das beim Umblättern knistert, das nach Buch riecht. E-Books sind sicher für manche eine tolle Sache, wenn sie viel lesen und unterwegs sind. Das Elektronische wirkt für mich etwas kühl, nicht emotional - aber genau das müssen Bücher für mich sein.

Sie haben sich immer für die Integration ausländischer Kinder stark gemacht. Welche Rolle spielt dabei das Lesen?
Eine große. Ich habe 1993 das Kinderbuch "Neben mir ist noch Platz" geschrieben, wo es um eine libanesische Flüchtlingsfamilie geht. Das ist heute wieder hochaktuell, ich sitze gerade an einer kompletten Überarbeitung. Das Mädchen kommt jetzt auch nicht mehr aus dem Libanon, sondern aus Syrien, damit es wieder aktueller wird.

Was kann Literatur, was kann Kultur für einen Beitrag bei dieser großen Integrationsaufgabe leisten?
Viel, wenn sie sich bemüht. Zusammen mit anderen Illustratoren habe ich etwa aktuell ein Kinderbuch ohne Worte für Flüchtlingskinder gemacht. Das erscheint beim Fischer-Verlag und wird demnächst bundesweit an Flüchtlingskinder verteilt.

Der Vaters des Sams

Kinderbuchautor Paul Maar, 1937 in Schweinfurt geboren, schon lange in Bamberg lebend, war zunächst Kunsterzieher und arbeitete zudem am Theater. Er begann in den späten 60er Jahren damit, Kinderbücher zu schreiben: als er selbst Kinder hatte und befand, dass es zu wenig gute Kinderliteratur gibt. Bekannt wurde Maar zunächst mit dem Theaterstück "Der König in der Kiste" (1971). Mit "Eine Woche voller Samstage" kam 1973 sein erstes Buch mit dem Sams heraus, einem frechen, vorlauten, neugierigen, aber auch liebenswerten Fabelwesen. Die Figur wurde so populär, dass Maar bis heute sieben weitere Sams-Romane geschrieben hat. Auch drei erfolgreiche Sams-Filme sind seit 2001 entstanden. Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller hat insgesamt mehr als 50 Bücher und rund 20 Theaterstücke veröffentlicht.