„Bitte nicht weitersagen, aber die Wiedereinführung der Rassentrennung in Dickens, die wir während der folgenden Monate betrieben, machte durchaus Spaß.“ Sie haben richtig gelesen: Rassentrennung als Notwehr – es ist eine außergewöhnliche Geschichte aus den USA.

Der Erzähler in Paul Beattys Roman „Der Verräter“, Sohn eines schwarzen, bürgerrechtsbewegten Sozialwissenschaftlers, baut als Farmer Melonen und Marihuana an. Als sein Vater von Polizisten erschossen wird, verliert er ein durchaus zwiespältiges Medium, das ihm die Welt erklärt hat. Außerdem geht es mit dem verarmten Dickens und der afroamerikanischen Community stetig bergab. Das ganze Viertel existiert de facto nicht mehr; der Moloch Los Angeles hat es sich einverleibt. Sein Kumpel Hominy, der letzte noch lebende Darsteller aus der Serie „Die kleinen Strolche“, bringt ihn auf die Idee, mit der ohnehin existierenden Trennung von Schwarz und Weiß ernst zu machen: an seiner ehemaligen Highschool ebenso wie im städtischen Bus.

Das Ziel: Er möchte auf das Verschwinden von Dickens hinweisen und die Stadt wieder auf die Landkarte setzen. Hominy bietet sich sogar als sein Sklave an und findet großen Gefallen daran, sich von einer „das abfällige Lächeln Scarlett O’Haras wie einen Witz wirken“ lassenden Domina auspeitschen zu lassen. Seinen Freund spricht er fortan mit Massa an.

Paul Beattys Buch klingt wie ein irrer Trip, und tatsächlich bringt sein Tun den Ich-Erzähler vor den Obersten Gerichtshof, wo er „total dicht“ und „zugedröhnt mit Erinnerungen und Marihuana“ auf das Urteil in seinem Fall wartet. „Das omnipräsente Schuldgefühl, so typisch schwarz wie Fast-Food-Apfelkuchen und Basketball im Knast, ist endlich verpufft, und es fühlt sich fast weiß an, jene Rassenscham losgeworden zu sein, die den bebrillten Studienanfänger voller Grauen an die Fried-Chicken-Freitage in der Mensa denken lässt.“ Man erkennt die ungeheure Sprachkraft Beattys, die sich aus dem Slang ebenso speist wie aus vielen literarischen Stimmen.

Seine Prosa ist geradezu überladen mit Bildern aus der Pop- und Hochkultur, durchdrungen von Anspielungen und subversiven Codes, überzogen von amerikanischen Mythen und Narben. Grotesk wirkt das mitunter, es ist fantasievoll und komisch, aber unbeschwertes Lachen provoziert dieser Roman nicht. Rassismus wird hier in jeglicher Form aufs Tapet gebracht – und damit dekonstruiert.

Viele Passagen sprühen nur so von aberwitzigen Ideen, kleinen gemeinen, bitteren Pointen, die den Wahnsinn einer Gesellschaft im tagtäglichen Schwarzweiß-Ausnahmezustand entlarven. Irgendwie, sagte Paul Beatty in einem Interview, bekämpfe sein Erzähler Rassismus mit Rassismus, obwohl er nicht mal die Energie habe, Rassist zu sein. Besser ließe sich dieses verrückte, mit dem Man Booker Preis ausgezeichnete Buch kaum zusammenfassen. Man ist nach seiner Lektüre nicht unbedingt zuversichtlicher. Aber durchaus klüger.