Göppingen Operation am offenen Auge: Georg Winters Kunst in Göppingen

Georg Winter, hier selbst in Aktion: „Aufstieg und Fall junge Kunst“ nennt er diese Installation in der Kunsthalle Göppingen.
Georg Winter, hier selbst in Aktion: „Aufstieg und Fall junge Kunst“ nennt er diese Installation in der Kunsthalle Göppingen. © Foto: Giacinto Carlucci
Göppingen / LENA GRUNDHUBER 22.07.2016
Wie entsteht ein Bild – und reicht dazu auch eine Kamera aus Holz? Georg Winter zeigt so gescheite wie unterhaltsame Arbeiten in Göppingen.

Manche sahen sich die ganze Fußball-EM darauf an, „einer kuckt die Tour de France“, erzählt Georg Winter. Theoretisch könnten die Sportfans auf dem  „UCS High Black Monitor“  sogar beides gleichzeitig sehen, ohne sich um die Fernbedienung streiten zu müssen. Denn der große schwarze Bildschirm in der Kunsthalle Göppingen ist aus ganz besonderem Holz. Aus Holz.

Anders als bei konventionellen Fernsehern  benötigt man keine Stromquelle, um das Gerät in Betrieb zu nehmen, sondern nur sich selbst: als Betrachter, der autonom entscheiden kann, was sich auf dem Monitor abspielt. Oder alternativ Aristophanes „Vögel“ lesen kann, das daneben liegt und beiläufig darauf verweist, dass Winters Kunst natürlich weit mehr als nur lustig ist.

„Hands on – Ukiyo Camera Systems“ heißt die Schau des 1962 in Biberach geborenen Künstlers,  der mit unnachahmlich trockenem schwäbischen Humor über seine Unternehmungen doziert, aber inzwischen an der Hochschule der bildenden Künste Saar Professor für Bildhauerei ist – wobei er deren Grenzen  weit hinaus in den Raum, die Aktion und die Öffentlichkeit verschoben hat.

1992 etwa gründete er mit den Ukiyo Camera Systems (UCS) ein „Entwicklungsbüro für Kameratechnik und Neue Medien“, dessen Produktlinien in Göppingen auf Warenregalen ausgestellt sind und schon fast Design-Geschichte erzählen. Nur dass die Beamer und Kameras, die Handys und der Selfie-Stick aus schwarzem Holz gemacht sind. „Ukiyo“ sei ein Name für japanische Holzschnitte, sagt Winter. Seine „Holz-Schnitte“ können ebenfalls Bilder produzieren, einfach indem der Träger sein „Modell Tourist“ in der Hand hält. „Das sensomotorische System  macht es zur Kamera“, erklärt der Entwickler: „Man erinnert sich daran, wie man mit Ukiyo den Sonnenuntergang aufgenommen hat.“ Die „Einstellung“ wird so vom technischen Begriff wieder zu einer Frage der (körperlichen) Haltung „Die Achtsamkeit für den Moment überwindet die Traurigkeit über das Vergehen der Zeit.“ So poetisch kann Konstruktivismus klingen.

Natürlich ist das auch Medienkritik, aber im tiefsten Sinne: Weil sie die Frage nach den Bedingungen von Wahrnehmung stellt und im selben Augenblick an den Betrachter weiterreicht. Wie macht man sich ein Bild? Wie organisiert sich Erinnerung? Ein theoretischer Background kann da nicht schaden, doch Georg Winter ist Aufklärer genug, um seine Besucher mit schöner Ironie abzuholen.

Da ist unter anderem die hölzerne Filmkamera, mit der seine Crew in Pulheim den Film „Lost Horses“ nach Cervantes‘ Don Quichote drehte (in der Hauptrolle Johnny Depp als „absent actor“). Daneben treffen sich im „Musée social“ die klassischen Formen Linie, Quadrat und Kreis auf dem Spielplatz („Das Dreieck wird kommende Woche von Kindern im Protest eingefordert“), und wen doch die Reizüberflutung übermannt, der bekommt im Notfallzelt Augentrost verabreicht: „Wir arbeiten am offenen Auge.“

Die radikalste Installation ist folgerichtig den Bilderproduzenten vorbehalten. „Aufstieg und Fall junge Kunst“ fordert zum Sprung von einer Leiter auf die Matte auf. „Ich lasse das auch in Kunsthochschulen trainieren“, sagt Georg Winter. Reine pädagogische Fürsorge, damit der Sturz  von der erträumten Karriereleiter später nicht so unerwartet kommt. Er selbst wagt für den Fotografen schließlich auch einen kleinen Hopser. Zu sehen hier im Bild – sofern Sie ihren Augen jetzt noch trauen.

Info Bis 11. September in der Kunsthalle Göppingen, Di-Fr 13-19 Uhr, Sa, So und Feiertag 11-19 Uhr.

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