Etliche erfolgreiche Holly­wood-Blockbuster wie „Independence Day“, „Suicide Squad“ oder der kommende Woche startende „Spider-Man: Homecoming“ tragen die Handschrift von Oliver Scholl. Den Namen des 53-jährigen Wahl-Amerikaners dürften jedoch die wenigsten Kinogänger kennen, denn Scholl ist Production Designer und Illustrator.  Dabei begann seine persönliche Reise zu den Sternen einst mit ein paar Perry-Rhodan-Heften im Süden Deutschlands.

Sie stammen aus dem Ländle?

Oliver Scholl: Ich bin in Esslingen am Neckar geboren, aber in Freilassing in Bayern aufgewachsen. Wir hatten ein Haus am Rande eines Neubaugebietes, mit Kuhzaun und Bauernhof als Nachbar. Jeden Donnerstag bin ich mit dem Fahrrad ins Zentrum gefahren, um das neue Perry-Rhodan-Heft zu kaufen. Als mein Vater starb, sind wir nach Bietigheim-Bissingen umgezogen.

Wie kamen Sie als Risszeichner zu Perry Rhodan?

Über meinen Freund Hans Knößelsdorfer. Die Serie bot faszinierende Unterhaltung, mit populärwissenschaftlichen Artikeln und Schnittzeichnungen von Raumschiffen. Ich war wie gebannt, und wir beide fingen an, Raumschiffe zu zeichnen und einzusenden. Anfangs schickte Willi Voltz, der damalige Exposé-Autor der Serie, die Zeichnungen mit einer Aufmunterung zurück, bis dann mal doch die Annahme kam. Ich finanzierte mein Moped mit meinen Zeichnungen. Während des Studiums blieb dann leider keine Zeit mehr dafür.

Sie kannten Roland Emmerich, mit dem sie später Filme gemacht haben, schon aus Deutschland?

Der Kontakt lief über meine Arbeit für ein Perry-Rhodan-Rollenspiel 1985. Uwe Luserke, Lehrer und damals zugleich Agent für fantastische Literatur und Illustration, war wie ich Mitglied der Science-Fiction-Freunde Stuttgart. Roland war auf der Suche nach jemandem, der Illustrationen für seine Projekte machen könnte, und Uwe schlug mich vor.

War das Risszeichnen ein Türöffner für Hollywood?

Illustrationen waren der Türöffner. Mein Industrie-Design-Studium in Pforzheim und Praktika gaben mir eine gute Basis, um meine Arbeit über „hübsche Bildchen“ hinaus ins Production Design zu erweitern. Was beides immer noch verbindet und der tiefere Ansporn war, ist, dass Geschichten Bilder in mir erwecken, deren Umsetzung mir Spaß macht. Es gefällt mir, zwischen den Zeilen zu lesen. Darin liegtmeine eigentliche Arbeit.

Was tun Production Designer?

Sie erarbeiten mit Regisseur, Kameramann und manchmal Produzenten den Look des Films. Als Designer ist man für die Gestaltung der Film-Welt zuständig und für deren Umsetzung, etwa das Bauen der Sets. Ich zeichne nicht mehr viel detailliert, obwohl es manchmal immer noch die beste und schnellste Lösung ist, und kommuniziere viel mehr, um mit der Hilfe meines Teams die Bilder zwischen den Zeilen eines Drehbuches zu finden. Man ist künstlerischer Leiter und Manager in einem. Es ist kreatives Teamwork, aber keine Demokratie, da der Designer die Ideen vertreten und für ihre Umsetzbarkeit bürgen muss.

Also eher keine Arbeit im stillen Kämmerlein?

Alle Phasen beinhalten unzählige Meetings. In der Entwicklungsphase kann ich meist noch mehr selbst illustrieren, da ich oft neben dem Regisseur und Produzenten ganz am Anfang engagiert werde. Das beinhaltet viel Recherche. In der Vorproduktion geht es um Drehort-Suche, Entwürfe für Umgebungen, Gestaltung von Charakteren und die Settings. Dazu kommen Logistik und Budgets. Wenn die Budgets genehmigt sind, geht es an den Bau. Gleichzeitig werden digitale Modelle und Illustrationen an die Abteilungen Pre-Visualization und Visuelle Effekte weitergereicht. Während der Dreharbeiten bin ich oft noch am Entwerfen neuer Settings oder am Entwickeln neuer Ideen, während andere Sets für den Regisseur betreut werden müssen.

Was ist durch die vermehrten Computer-Effekte anders geworden?

Die Spielzeugkiste ist größer und komplizierter geworden. Mit Unterstützung eines guten Effekt-Supervisors und Produzenten kann manche früher unerreichbare Idee realisiert werden. Aber man ist auf gute Zusammenarbeit angewiesen.

Auf was dürfen sich die Zuschauer im neuen „Spider-Man“ freuen?

Besonders stolz bin ich auf die Staten-Island-Fähre, unser Washington Monument und Tony Starks Flieger. Auch Atlanta in Queens zu verwandeln, war eine tolle Leistung unseres Teams. Aber es sind viele kleine Entscheidungen, etwa das Stockbett in Peter Parkers Zimmer, die genauso den Film ausmachen wie die offensichtlichen Dinge.

Engt eine Serie, ein Franchise wie „Spider-Man“ nicht ein?

Es ist keine ja keine Fortsetzung, höchstens von Spider-Mans Auftritt in „The First Avenger: Civil War.“ Das Marvel-Film-Universum ist so groß, dass es nicht unbedingt einengt, sondern herausfordert.

Erste Kassenknüller mit Roland Emmerich


Karriere Mitte der 90er Jahre fasste Oliver Scholl in Hollywood Fuß, erst als Illustrator und Konzeptkünstler, dann als Production Designer. Sein erster Blockbuster in dieser Funktion war „Independence Day“ (1996), es folgten „Godzilla“ (1998), „The Time Machine“ (2002), „Edge of Tomorrow“ (2014), „Suicide Squad“ (2016) und in diesem Jahr „Spider-Man: Homecoming“ sowie „Der Dunkle Turm“.