Freiburg Ohne Grenzen

Kriegskinder: Francis und Rudi haben den gleichen Vater, lernten sich aber erst 2006 kennen. Privatbild
Kriegskinder: Francis und Rudi haben den gleichen Vater, lernten sich aber erst 2006 kennen. Privatbild
PETRA WALHEIM 03.05.2012
Es ist eine Premiere für Freiburg: die erste Große Landesausstellung im Augustinermuseum. Das Thema verrät, warum: "Liebe Deinen Nachbarn - Beziehungsgeschichten im Dreiländereck".

Ganz zum Schluss widmet sich die Ausstellung auch dem Heute: Lieben Sie ihre Nachbarn? Das werden Passanten in Baden-Württemberg, Frankreich und in der Schweiz gefragt. Die Baden-Württemberger antworten höflich bejahend, aber merklich zurückhaltend. Die Schweizer sind direkter, vor allem wenn es um die deutschen Nachbarn geht. Mehrere Gefragte sprechen ein klares "Nein" ins Mikrofon. Weil sie rücksichtslos sind und machen, was sie wollen, sagt eine Befragte.

Die Umfrage zum Beliebtheitsgrad der Grenznachbarn ist Teil der Landesausstellung, der ersten im Augustinermuseum Freiburg. Zum Jubiläum "60 Jahre Baden-Württemberg" widmet sie sich unter dem Motto "Liebe Deinen Nachbarn!" den wechselvollen Beziehungsgeschichten aus zwei Jahrhunderten im Dreiländereck. Dabei ist das Wort "Beziehung" weit gefasst. Die Ausstellung greift politische wie zwischenmenschliche Verbindungen, Verstrickungen und Tragödien auf. Anhand von 250 Objekten und 50 Geschichten dazu will sie zeigen, wie die große Politik von den Menschen erlebt und erlitten wurde.

Ein Beispiel ist der Doppel-Suizid eines Liebespaares: Da es französischen Kriegsgefangenen verboten war, sich deutschen Frauen zu nähern, sahen die 21-jährige Hannelore Messemer aus Stuttgart und ihr französischer Geliebter Hugo 1942 keinen anderen Ausweg, als sich zu erschießen. Die Ausstellung zeigt den Abschiedsbrief der Frau an ihre Eltern sowie das leere Magazin der Tatwaffe. "Tragt mir nicht nach, was jetzt passiert", schrieb sie.

Aber es gibt auch schöne Erinnerungen. Davon erzählen Erinnerungsstücke, die frühere Schweizerkinder für die Ausstellung zur Verfügung gestellt haben. Sie hießen Schweizerkinder, weil sie gegen Ende des Krieges, unterernährt und oft nur noch mit Lumpen am Leib, bei Gasteltern in der Schweiz aufgepäppelt wurden - und zwar Franzosen und Baden-Württemberger gleichermaßen. Ein Kind lernte in der Schweiz das Nähen und Häkeln. Deshalb liegt in der Vitrine ein Paar selbstgehäkelter Topflappen.

Manche frühere Schweizerkinder halten den Kontakt in die Schweiz bis heute. Die meisten erinnern sich mit Dankbarkeit an diese Zeit. Eine schreibt: "Ich war durch meine Gasteltern von einem ängstlichen und scheuen Kriegskind zu einem fröhlichen und selbstbewussten Menschen herangereift."

Beachtenswert ist die Architektur der Ausstellung: Mächtige Holzriegel ragen in den ersten Raum und zeigen den Besuchern Grenzen auf. Im zweiten Raum steht ein langer, massiver Holztisch, mittendrauf ein Fallbeil. Es gehört zur Rubrik "Der Nachbar als Vorbild". Tatsächlich haben die Deutschen die französische Guillotine als zuverlässiges Tötungsinstrument übernommen.

Besucher können an dem Tisch Platz nehmen und sich in die vor ihnen liegenden Stücke vertiefen oder über Kopfhörer Tondokumente anhören. Ebenfalls auf dem Tisch steht eine Armbrust. Sie kennzeichnet den Platz, den Friedrich Schiller am Tisch einnimmt. Obwohl er nie weder in der Schweiz noch in Frankreich war, hat er mit "Wilhelm Tell" den Nationalhelden der Schweiz geschaffen und die Franzosen so sehr beeindruckt, dass sie ihm die Ehrenbürgerschaft verliehen haben. Zu sehen ist die Urkunde, in der Schiller als "sieur Gille" bezeichnet wird.