Wien Österreicher bangen um ihre Sprache

Wien / DPA 14.08.2012
Das Hochdeutsche schwappt nach Österreich. Schuld ist das Fernsehen. Sprachforscher sehen schon das Ende von "Paradeiser" und "Stiege".

Eine Wiener Obst- und Gemüsetheke ist für Deutsche eine Herausforderung. Weniger kulinarisch als sprachlich. "50 Deka Paradeiser, 20 Deka Fisolen und eine Melanzani. Dazu ein paar Marillen", würde etwa ein Österreicher verlangen. "Und noch etwas von den Ribiseln." Diese Ausdrücke könnten bald der Vergangenheit angehören.

Zwar hört man in Wien zur Begrüßung weiterhin "Grüß Gott" und "Servus". Aber bei der Arbeit oder in Kneipen rufen viele lieber ein schnelles "Hallo". Zum Abschied heißt es immer öfter "Tschüss" und nicht mehr "Baba" (Betonung hinten). Unter dem Druck des Hochdeutschen schwindet die österreichische Sprache dahin. Fernsehen, Kino und Internet trimmen Kinder und Jugendliche auf klassisches "Bundesdeutsch", wie man in Österreich das Hochdeutsche nennt. Das zeigt eine Untersuchung des emeritierten Germanistik-Professors Peter Wiesinger. Der Sprachwissenschaftler ließ Studenten Bilder betiteln. Mit wenig erfreulichen Ergebnissen, wie er sagt. Ein Drittel schrieb statt "Stiege" "Treppe", statt "Kassa" hieß es "Kasse".

In Österreich hielt sich bislang durch Einflüsse aus Osteuropa und Italien ein eigenständiges Deutsch. Beim EU-Beitritt 1995 ließ Österreich seine Sprache symbolisch als eigenes Kulturgut anerkennen. 23 Bezeichnungen aus dem Bereich der Lebensmittel wurden als spezifische Begriffe aufgezählt. Wissenschaftler klassifizieren das Österreichische nicht als Dialekt, sondern als Varietät. Wie es schon das Bonmot des Wiener Kabarettisten Karl Farkas zusammenfasst: "Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gemeinsame Sprache." Noch halten sich auf Gemüsemärkten die österreichischen Worte für Tomaten (Paradeiser), Bohnen (Fisolen), und Johannisbeeren (Ribisel). Bei den Metzgern kommt man mit dem Wunsch nach Faschiertem und Beiried weiter als mit Hackfleisch oder Roastbeef. Deutsche wundern sich auch gerne über Gelse (Mücke), Kren (Meerrettich), Kasten (Schrank), Sessel (Stuhl) oder Leintuch (Laken). Doch inzwischen heißt es in Supermärkten zum Entsetzen der Sprachbewahrer Cherry-Tomaten oder Fleisch-Tomaten statt Paradeiser.

Der Journalist Robert Sedlaczek ("Kleines Handbuch der bedrohten Wörter Österreichs") beklagt: "Die Vielfalt wird eingeebnet, die Sprache verfällt." Im Internet sammelt er bedrohte Wörter. "Die Sprache ist ein beinharter Verdrängungswettbewerb", betont er. Wiesinger weiß immerhin, was sich nicht ändert: "Eins bleibt bestehen: Sackerl ist hier selbstverständlich. Tüte sagt niemand." Er hat recht. Das Wort "Tüte" löst bei den meisten Österreichern spontanes Lachen aus.

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