Nach 1945 waren Grimms Märchen in Deutschland enorm populär, offenbar drückten sie ein Bedürfnis nach „heiler Welt“ aus. Können Märchen denn ein solches stillen?
 
EUGEN DREWERMANN: Das Märchen ist die einzige Literaturgattung, die uns glauben machen mag, dass Liebende in dieser Welt glücklich werden können. Ja, dass die Liebe sogar der einzig wirkliche Weg zum Glücklichwerden ist. In der Weltliteratur ist sonst meist zum Tode verurteilt, wer wagt, der Liebe zu folgen: von Pyramus und Thisbe bis Romeo und Julia. 

 
Behandeln Märchen nicht existenzielle Fragen?
 
DREWERMANN: Unbedingt. Märchen schildern Schicksalsaugenblicke, in denen wir Menschen gezwungen werden, zwischen verschiedenen Einstellungen zum Leben zu wählen. Ob wir den Machthabern erlauben zu definieren, was Realität ist, oder ob wir uns selber mit unserer Wirklichkeit gegen die vermeintlichen Zwänge stellen – das entscheidet über Gelingen oder Misslingen des Lebens und davon sind die Märchen voll. Märchen beschwören also geradewegs, dass wir mit uns selbst einig sind, heil sind – im Wissen, dass alle Konflikte da draußen dann erst beginnen.
 
 
Die 68er lehnten die Märchen ab. Nur wegen der Gewalt - oder war da noch etwas anderes?
 
DREWERMANN: Die 68er hatten etwas gegen Psychologie, sie betonten den Überhang der Gesellschaft vor dem Individuum, Psychologie kam ihnen da allzu individuell vor. Da hinzu gehörte auch die Abkehr gegen die Märchen – insbesondere gegen die Anwandlungen zu Lyrik, Poesie und Romantik. Das verband sich für die 68er mit einem Ausweichen vor den gesellschaftlichen Kämpfen, die zu bestehen wären. Man hat nicht begriffen, dass man Menschen nur befreien kann mit Menschen, die befreit sind. Märchen sind eine Literaturform, die allen Völkern dieser Welt eigen ist und sie eint. Dagegen taugen unsere rationalen Begriffe, inklusive Ethik und Religion, immer noch zur Kriegspropaganda. Diese Dinge wurden von den 68ern überhaupt nicht wahrgenommen.
 
 
Ab den späten 70ern wurden Märchen, auch in der Forschung, durch Bruno Bettelheim enorm aufgewertet: „Kinder brauchen Märchen“. Würden Sie diese Aussage uneingeschränkt unterschreiben?
 
DREWERMANN: Ich unterschreibe das – bei aller Zwielichtigkeit, die Bettelheim als Person hatte. Aber ich würde hinzusetzen: Erwachsene brauchen die Märchen noch viel mehr!
 
 
Und doch verorten wir sie in der Kinderwelt.
 
DREWERMANN: Für Kinder sind Märchen die ureigene Sprache. Sie sind traumnah, voller Fantasie, sie spielen in den Übergängen zwischen Realität und Vorstellung. Sie sind in den Äußerungsformen der Affekte auch eine Erlaubnis, Zorn, Hass, Angst, Faszination – also alles, was in der Seele spielt – unzensiert auszudrücken. Und sie bewahren das Kind im besten Fall davor, all dies unkontrolliert auszuagieren.
 
 
 
In Märchen passiert oft Schreckliches. Es geht um Verlust, Alleinsein, Ängste, es gibt körperliche und seelische Gewalt. Sollten Eltern ihre Kinder also in die Märchenwelt begleiten?
 
DREWERMANN: Es ist notwendig! Eine Mutter ist ja nicht unbedingt darauf vorbereitet, ihrem Kind extrem ambivalent als Engel und als Hexe zu erscheinen – aber so wird’s in den Märchen dargestellt. Die Mutter, die das vorliest, kann diese Brechungen etwas miterleben, sich selbst auch ein Stück eingestehen. Entscheidend ist, dass der Hintergrund stimmt: Wenn Eltern dem Kind eine Geschichte erzählen, geschieht das in einer Beziehung des Vertrauens, da kann im Märchen passieren, was will, es hat eine umgreifende Klammer des Schutzes. Dann kann auch von Einsamkeit und Verlassensein die Rede sein – wenn die eigene Mutter das erzählt, kann man damit leben. Der Erzählvorgang selber ist in sich schon wohltuend.
 
 
Sie deuten den „Froschkönig“ als komplexe Beziehungs- und Bindungsgeschichte, „Schneewittchen“ als Geschichte über die Selbstentfremdung und Erlösung einer jungen Frau, „Dornröschen“ als Geschichte eines Mädchens, das wegen der pathologischen Beziehung zum Vater nicht erwachsen werden kann. Sind Märchen so zeitlos populär, weil sie eben solche Ur-Konflikte in starken Fabeln und klaren Bildern verpacken?
 
DREWERMANN: Absolut. Die Märchen sind auch eine Fundgrunde für psychotherapeutische Sitzungen. Denn sie bieten Grundgestalten von Konflikten an, die immer wieder auftreten. Im „Schneewittchen“ etwa haben wir die Gestalt der verfolgenden Stiefmutter, den Konkurrenzwettkampf, wer schöner ist und mehr Liebe auf sich zieht, die Vergiftung der Liebe unter dem Anschein der Fürsorge – man hat eine Einführung ins Frausein, die im Untergrund völlige Zerstörung bedeutet. Für Psychologen eine klassische Double-bind-Situation - und wie viele Frauen wüssten nicht von Ähnlichem zu erzählen: Die Mutter hat es gut gemeint, stand aber selbst unter so vielen Zwängen, dass sie es nicht wohl meinen konnte. Oder nehmen wir den „Froschkönig“: die Geschichte eines Mannes, der offenbar im Schatten seine Mutter steht und auf der Suche nach Liebe einer Königstochter hinterherläuft, die sich wiederum nur aus Gehorsam zu ihrem Vater zur Liebe bekennt – wie kommen die beiden zueinander und lösen sich von den Eltern ab? Es sind spannende Fragen, die in Märchen zugespitzt erzählt werden.
 
 
Bei aller Zuspitzung und Heftigkeit des Geschehens nennen sich die Märchen aber doch „Geschichten gelebter Mitmenschlichkeit“. Können Sie das erläutern?
 
DREWERMANN: So heißt ein Band meiner Märcheninterpretationen mit dem Untertitel „Wie Gott durch Grimmsche Märchen geht“. Im Fall der Bibel machen sich die Theologen darüber her, und aus den religiösen Urkunden wird sofort ein Kampfbuch: Mit der Bibel unterm Arm kann man die Muslime bekämpfen, mit dem Neuen Testament das Alte und so weiter… In den institutionellen Religionen hat man selbst das, was Menschen zusammenführen könnte und müsste, fragmentiert und mit Absolutheitsanspruch versehen, um Front gegeneinander zu machen. Die Märchen unterliegen dagegen überhaupt keiner Institution, allenfalls den Germanisten an der Universität, ansonsten sind sie offen und frei - für Kinder und für Erwachsene, die Kinder geblieben sind. Und darin liegt ihre grenzenlose Gültigkeit, ihre unvergleichliche Poesie, ihre zeitlose Schönheit. In Deutschland sind uns diese Geschichten geschenkt worden durch die Brüder Grimm. Ich vermute, wir werden in der deutschen Sprache noch in 100 Jahren Märchen nur in dieser Form erzählen können, wie die Brüder Grimm sie geprägt haben.
 
 
Manche behaupten, dass in den Märchen die Seele eines Volkes steckt. Was sagen Grimms Märchen dann über die Deutschen aus?
 
DREWERMANN: Das ist ein bisschen hoch gegriffen und hat natürlich die zwölf Jahre nationalsozialistischer Verwüstung überstehen müssen. Man glaubt, dass wir Deutschen ein mystisches Verhältnis zum Wald hätten, dass wir überhaupt dazu neigten, irrationale Kräfte stärker zu berücksichtigen als etwa die Franzosen. Man kann dann Descartes’ Analyse des Bewusstseins der Ahnung Schopenhauers vom Unbewussten gegenüberstellen. Goethes „Faust“ muss da natürlich auch herhalten mit den Brechungen zwischen einem Gelehrten und einem Liebesuchenden, zwischen Gott und Teufel. Wenn dass alles für typisch deutsch gehalten wird, dann haben wir einen Beitrag für die europäische Märchenkultur geleistet, der sich sehen lassen kann (lacht).
 
 
Sie klingen reserviert…
 
DREWERMANN: Ich glaube nicht, dass mit so einfachen Klischees Völkerpsychologie betrieben werden kann.
 
 
Zurück zur Wirkung. Märchen lehren uns, dass nur Liebe Rettung und Erlösung verspricht. Ist das ihr großer Trost?
 
DREWERMANN: Ja, das ist ihre Trostbotschaft. Aber Märchen wissen auch um die enormen Gefährdungen, dem Weg der Liebe zu folgen. Es sind Abenteuer zu bestehen: gegen Riesen Zwerge, Untiere, Zauberer, Verwunschenes aller Art. Das alles spielt in der Seele der Menschen und muss bestanden werden. Insofern schildern die Märchen die Liebe und die Reifung dazu als einen Erlösungsweg von Ängsten und Zwängen, die uns seit Kindertagen in die Seele gelegt wurden.
 
 
„Wenn sie nicht gestorben sind…“: Das gute Ende lässt uns all das Schreckliche, das zuvor passiert ist, akzeptieren und verdauen?
 
DREWERMANN: Es ist ein reines Versprechen. Wenn man Glück hat, kann man glücklich werden im Leben (lacht) - mehr ist damit nicht gesagt. Aber man sollte diese Hoffnung nicht aufgeben. Die Märchen als weltliche Geschichten erlauben auch keine Delegation in jenseitige Hoffnung. Wären Märchen religiöse Geschichten,  ließe sich dieser Ausweg denken, aber die Märchen möchten, dass wir es hier auf Erden riskieren. 
 
 
Gibt es Grimmsche Märchen, die Sie von der Aussage her nicht mögen?
 
DREWERMANN: Eigentlich nicht. Aber es gibt eine Menge Märchen, die gefährlich sind, wenn man sie nicht interpretiert. Etwa die Nummer drei der Kinder- und Hausmärchen: „Marienkind“. Da haben wir das ganze religiöse Ensemble: die Mutter Gottes, die Engel, den Himmel, Apostel, die Dreifaltigkeit – und in Wirklichkeit ein Märchen, dass davon erzählt, wie das Madonnenideal ein Mädchen aus dem Himmel weist, wenn es vom Mädchentum zum Frausein erwacht und die Sexualität entdeckt. Das wird mit Ausweisung bestraft, die Madonna tritt sogar in die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Es ist eine Tragödie, die gerade bei Menschen in kirchlicher Erziehung sehr empfindlich wirken kann. Ein Propagandamärchen, das die katholische Kirche im 16. Jahrhundert in Böhmen mit viel Erfolg in Umlauf gebracht hat, um den Protestanten das Leben schwer zu machen. Solche Märchen gefallen mir nicht wegen des Zwecks, mit denen sie verbreitet wurden, aber richtig interpretiert sind sie die Visitenkarte derer, die es gemacht haben und dann wieder von außerordentlich sprechender Treffsicherheit.
 
 
Haben Sie noch ein Lieblingsmärchen aus Kindertagen?
 
DREWERMANN: Sehr gern gehört und erzählt habe ich immer die Geschichte der „Zwei Brüder“. Das ist eigentlich schon kein Märchen mehr, sondern fast ein Roman. Wer dieses längste Grimm-Märchen interpretieren kann, wird sie alle verstehen – es kommt, was immer im Märchen vorkommen kann, in dieser Erzählung gestaffelt vor.
 
 
Nimmt das analytische Nachdenken den Märchen eigentlich nicht ihren Zauber?
 
DREWERMANN: Das ist zweifelsohne so, wenn man zu schnell damit anfängt - also wenn man sofort anfängt zu interpretieren. Man muss die Märchen auf sich wirken lassen, man muss sich an einem selber arbeiten lassen, ehe man mit ihnen arbeitet.