Mit diesem Meisterwerk setzte John Neumeier vor 40 Jahren einen Kontrapunkt zu den eher linearen Handlungsballetten von John Cranko, dessen Stuttgarter Erbe die Primaballerina Marcia Haydée damals zusammenzuhalten versuchte. Neumeiers ­„Kameliendame“ erzählte den ­Du­mas-Roman um die schwindsüchtig dahinsiechende Edelkurtisane Marguerite Gautier als äußerst vielschichtige Geschichte, erfand in gewisser Weise eine neuen verschachtelten Erzählstil, auf dem seine weiteren Großtaten aufbaute.

Klar, dass seine Hamburger Company dieses Glanzstück unter den erzählenden Balletten ebenso im Repertoire hat wie viele andere großen Häuser: Paris und München habe ihre Neumeier-Preziosen eben erst aufpoliert. Aber das Original kommt nun mal aus Stuttgart. Und wird mit der brandaktuellen Wiederaufnahme so hinreißend getanzt, dass einem fast schwindlig werden könnte.

Armand Duval, der jugendliche Liebhaber, ist eine von Friedemann Vogels Paraderollen. Hier trägt er die ausdrucksstarke Alicia Amatriain auf Händen, stemmt sie mit waghalsigen Hebefiguren gen Bühnenhimmel, macht ihr düster-eifersüchtig das irdische Leben zur Hölle. Ein episches Liebesdrama, kummervoll und liebeskränkelnd, zwischen Wehmut und Demütigung, starren gesellschaftlichen Konventionen und ausgefeilten tänzerischen Konversationen. Immer umweht von Chopin-Klaviermusik, vorzüglich verstärkt aus dem Staatsorchestergraben oder mitunter am Bühnen-Flügel dargeboten.

Drumherum ein glänzend aufgestelltes Ensemble in Jürgen Roses kostbarem Retro-Dekor. Und wäre es nicht genug, kommt zum guten Schluss als Überraschungsgast die inzwischen über 80-jährige Ur-Marguerite auf die Bühne: Marcia Haydée huldigt ihrer entkräftet den Jubel entgegennehmenden Nachfolgerin.