Taylor Swift ist in der glücklichen Situation, dass Corona ihr wirtschaftlich nicht besonders weh tut. Die Musikerin aus dem US-Bundesstaat Tennessee nutzte den Lockdown für wichtige Dinge: Sie griff Präsident Donald Trump nach seinen Äußerungen zu den „Black Lives Matter“-Protesten bei Twitter scharf an  – und nahm überraschend ein neues Album auf, das ohne großes Tam­tam digital über ihr eigenes Label veröffentlicht wurde.
Ein Zusammenhang zwischen Swifts politischen Aussagen und den Songs auf „Folklore“ scheint aber nicht zu bestehen – die Reise der 30-Jährigen führt weniger in die Kampfzonen der US-Gesellschaft als in das Innerste des Menschen, entsprechend ist die Tonlage zärtlich. Radiotaugliche Hits der „Shake It Off“-Sorte fehlen, stattdessen zeigt sie sich als sensible Singer-Songwriterin. „Folklore“ ist so etwas wie Taylor Swifts Indie-Album. Was angesichts ihrer Popularität die größte Überraschung ist.

Zusammenarbeit mit Aaron Dessner und Duett mit Bon Iver

Dass Swift gute Songs schreiben kann, ist hingegen keine Überraschung, das Besondere an dem Album, das komplett während des Lockdowns entstand, ist der elegante Sound, für den sie mit Aaron Dessner, bekannt vor allem als Gitarrist der Indierocker The National, zusammengearbeitet hat. Auf „Exile“ singt sie zudem im Duett mit Bon Iver.
Ein Superstar trifft wichtige Vertreter der alternativen Musikkultur der USA, das könnte gewaltig daneben gehen – und einige waren sich dessen schon vor der Veröffentlichung von „Folklore“ sicher. Doch das Ergebnis straft die Kritiker Lügen: Über Dessners minimalistisch-verhuschte Instrumentals klingt Swift ungewohnt nahbar, ihre Texte geben zwar wenig Persönliches preis, erzählen aber unprätentiös vom Kreislauf des Liebens und einander Verlierens (einmal sogar aus queerer Perspektive).
„Folklore“ ist der Beweis dafür, dass Taylor Swift weit mehr ist als nur ein Popstar von der Stange – und wie ihre Songs ohne aufgeblasene Mainstream-Produktion schillern. Die vielleicht schönste Pop-Überraschung der Corona-Zeit.