Niederstotzingen Neue Höhlen ausgegraben

Das Mammut. Foto: Oliver Schulz
Das Mammut. Foto: Oliver Schulz
Niederstotzingen / HENNING PETERSHAGEN 03.06.2013
Löwenmensch, Wildpferdchen, Mammutfigürchen. . . Sie gehören zu den ältesten Kunstwerken der Menschheit und wurden im Lonetal gefunden. Hat dieses Tal noch mehr zu bieten? Die Suche hat begonnen.

Fragt man den Tübinger Archäologen Nicholas Conard, warum die ältesten figürlichen Kunstwerke und die ältesten Musikinstrumente ausgerechnet in zwei Tälern der Schwäbischen Alb gefunden wurden, pflegt er als einen der Gründe die lange und intensive Forschungstradition in diesem Bereich zu nennen. Die hat sich in den letzten Jahrzehnten auf die bereits bekannten Höhlen konzentriert. Könnte es noch mehr Höhlen geben, die bislang keiner kennt? Könnten dort weitere Zeugnisse der Eiszeitkunst zu finden sein?

Unentdeckte Höhlen gibt es im Lonetal jede Menge. Zwei davon hat Conard mit seinem internationalen Archäologen-Team seit 6. Mai ausgegraben und untersucht. Die Ergebnisse stellte er am Freitag im Archäopark Niederstotzingen Sponsoren und Mitgliedern des Fördervereins Eiszeitkunst im Lonetal vor.

Fazit: Eine der beiden Höhlen hat zwar keinerlei menschliche Hinterlassenschaften enthalten, ist aber für die Geo-Archäologie von höchstem Interesse. Denn darin lagern seit Jahrzehntausenden ungestörte Sedimente, die wichtige Aufschlüsse über die Entwicklung des Klimas und der Landschaft versprechen. Deswegen ist mit den Tübinger Ur- und Frühgeschichtlern auch der Tübinger Geoarchäologe Christopher Miller im Lonetal zugange.

Mehr versprechen sich Conard und sein Team hingegen von einer zweiten Höhle in unmittelbarer Nähe der ersten. In beiden Fällen lagen die Eingänge unter der Erde, weshalb vor den Höhlen erst einmal schichtenweise Schächte ausgehoben wurden, die, nachdem sie das Niveau der Höhlendecke unterschritten, in den Hohlraum weitergeführt wurden.

In der zweiten Höhle wurden bislang vier Steinwerkzeuge entdeckt, die Spuren menschlicher Bearbeitung zeigten und damit die Präsenz des Menschen dort beweisen. Darüber hinaus wurden zahlreiche Tierknochen freigelegt, die eindeutig der eiszeitlichen Tierwelt zuzuordnen sind: Zähne von Höhlenbären, ein aus mehreren Knochen und dem Huf bestehender Pferdefuß, der Zahn eines Mammuts, Knochen von Wollnashorn, Wisent, Rentieren, Füchsen und von Hyänen.

Eine Reihe von Knochen sind mit Gewalt geöffnet worden. Ob diese Gewalt aber von Menschen oder von Hyänen ausging, ist noch nicht gesichert. Sicher hingegen ist, dass es sich um eine relativ große Höhle handelt, deren wahre Ausmaße aber noch im Dunkeln liegen.

Woher wissen die Archäologen, wo sie nach diesen Höhlen graben müssen? Die Vorarbeit hat der Biologe und Heimatforscher Hermann Glatzle geleistet, indem er die Lehren aus der Entdeckung der Vogelherdhöhle gezogen hat. Deren Eingänge stehen heute zwar weit offen, lagen zuvor aber auch unter der Erde. Ein Dachsbau wies den Weg zu ihr: Als der 1931 ausgehoben wurde, tauchten steinzeitliche Artefakte auf, die zum weiteren Nachgraben und der Entdeckung der so fundträchtigen Höhle wies.

Glatzle hat also im Winter systematisch das ganze Lonetal nach Tierspuren abgesucht und mit GPS rund 150 Stellen kartiert, wo Fuchs und Dachs Löcher gegraben hatten. Zwei Drittel davon stufte er als echte Bauten ein. Hinter den übrigen 50 könnten sich nach seiner Einschätzung sich Höhlen verbergen. Im vergangenen November folgte dann eine Begehung mit Conard, und zwei Stellen im Bereich zwischen Bocksteinhöhle und Hohlenstein wurden für die ersten Untersuchungen ausgesucht.

Conards internationales Team mit Archäologen aus dem Iran, Italien, China, USA und Deutschland hat dort, wie von Glatzle prophezeit, Höhlen gefunden und nun vier Wochen Wühlarbeit unter nicht eben sehr freundlichen Wetterbedingungen geleistet.

Sensationen hatte Conard am Freitag keine zu verkünden. Aber die hatte er auch nicht so schnell erwartet: "Wir stehen ganz am Anfang." Die erste, fundfreie Höhle wird er ad acta legen. An der zweiten soll weitergeforscht werden.

Freilich ist alles eine Sache des Geldes. In diesem Punkt leistet der Förderverein Eiszeitkunst, dem der ehemalige Heidenheimer Landrat Hermann Mader vorsteht, wertvolle Hilfe. Er hat die archäologischen Forschungen im Lonetal bislang mit 35 000 Euro unterstützt, wovon 30 000 an Conard und sein Team geflossen sind - unter anderem für die neuen Höhlen-Projekte.

Noch 11 000 Sedimentsäcke müssen durchsucht werden
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel