Archäologie  Nasca: Die seltsamsten Linien der Welt

Stefan Tolksdorf 21.12.2017

Sie zählen zu den großen Geheimnissen der Menschheit: die Nasca-Linien in der Küstenwüste im Südwesten Perus. Benannt worden sind sie nach einer Kleinstadt, die in hohem Maße vom „Linien“-Flug­tourismus profitiert, denn die über 500 Quadratkilometer verteilten geheimnisvollen Erdgravuren erschließen sich am besten aus der Luft.

Entdeckt hat der peruanische Archäologe Toribio Mejia Xesspe die legendären Geoglyphen 1927 bei seinen Wüstenwanderungen. Andere Quellen schreiben die Entdeckung aber den Piloten der ersten Inlandsflüge zu.

Waren die unbekannten Schöpfer dieser Linien womöglich im Besitz prähistorischer Flugtechniken, wie der Amerikaner Jim Woodman in den 70er Jahren vermutete und mit primitiven Heißluftballons zu belegen suchte? Lediglich fünf Prozent der in die obere Steinschicht gescharrten Linien formen konkrete Bilder: eine Spinne, einen Kolibri, den (erst kürzlich entdeckten) Narwal, einen spiralschwänzigen Affen, Schakale, Vögel, Kakteen, Blütenstände . . . Wesen oft von jenseits der Anden.

Die übrigen sind rein abstrakte Gebilde oder sich überschneidende gerade Linien, durchkreuzt von der gleichfalls schnurgeraden Panamericana. Was wurde nicht alles in sie hineininterpretiert. Sogar Landebahnen und Botschaften für Außerirdische wollte der Schweizer Erich von Däniken in ihnen sehen.

Die Deutsche Maria Reichle, die den Liniaturen ihr Forscherleben gewidmet hat, hatte bis zu ihrem Tod entschieden dagegengehalten, obwohl ihre Deutung wissenschaftlich ebenfalls unhaltbar war: ein riesiges Kalendarium zur Errechnung des günstigsten Zeitpunkts für Aussaat und Ernte. Reichle hat jedoch dazu beigetragen, dass die Linien 1994 in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen wurden.

200 Fundstücke

Inzwischen hat sich die Nasca-For­schung spürbar versachlicht und von den Linienphänomenen  auf die Relikte jener schriftlosen indigenen Kultur verlagert, die sie hervorbrachte. Ein kleinteiliges archäologisches Puzzle, das weit schlüssigere Deutungen zulässt und erstaunliche Entdeckungen zeitigt. Das beweist die Ausstellung zur Kultur der Nasca, die derzeit im Zürcher Museum Rietberg zu sehen ist, einem der Zentren der Nasca-Forschung.

Die Schweizerisch-Lichtensteinische Stiftung für archäologische Forschungen im Ausland (SLSA)  betreibt dort mit der Schweizer Avina-Stiftung und der Deutschen Forschungsgemeinschaft das Nasca-Palpa-Projekt. Die zunächst im Museo de Arte in Lima gezeigte Ausstellung war die bislang erfolgreichste in Peru. Mit 200 Fundstücken – große, teils figürliche Keramik, farbintensive Textilien, Goldmasken und präkolumbianische Musikinstrumente – vermittelt sie faszinierende Einblicke in die Lebenswelt jenes unbekannten Volkes, das zwischen 200 v. Chr. und 650 n. Chr. in den fruchtbaren Tälern zwischen den Hochanden und der dem Pazifik vorgelagerten Atacama-Wüste siedelte.

Wer waren die Menschen, die gigantische Bodenzeichnungen den Großbauten paralleler Kulturen wie der Maya und Moche vorzogen? Sie lebten in Grubenhäusern und Großsiedlungen wie dem kultischen Zentrum Los Molinos, konservierten und verehrten ihre Ahnen in Gestalt eng verschnürter, luftgetrockneter Mumienbündeln, von denen einige, samt Beigaben, in der Ausstellung zu sehen sind.

Sie bauten Getreide, Mais, Maniok und Zitrusfrüchte an und betrieben ein reges Handelsnetz, wovon die häufig gefundene Spondylusmuschel zeugt, einer Austernart, die nur am Äquator vorkommt. Dem Verschwinden dieser Menschen aus ihrem angestammten Siedlungsraum liegen vermutlich keine kriegerischen, sondern wohl rein klimatische Ursachen zugrunde. Die zunehmende Verödung des vormals fruchtbaren Bodens nötigte die Nasca zur Anlage immer größerer und aufwendigerer Kultplätze und intensiver bildnerischer Beschwörungen. Augenfällig korrespondieren die Darstellungen auf den farbenreichen Kult-Gefäßen mit den Bildern in der Wüste.

Auch diesmal brilliert das Museum Rietberg mit einer perfekten multimedialen Präsentation. Auf riesigen Reliefs zeigt es den luftarchäologischen Befund. Eine Virtual-Reality-Brille ermöglicht dem Besucher, die Nasca-Region  zu überfliegen und nachzuvollziehen, worin sich die Zeichnungen der früheren Paracas-Periode (800 v. Chr. bis 200 v. Chr.) von den Nasca-Zeitlichen unterscheiden: Die älteren sind weit kleiner und an Hangflächen deutlich auf Sicht konzipiert. Die über die Ebene verteilten großen Schürfzeichnungen jedoch widersprechen unserer Vorstellung vom visuell erfassbaren Bild.

Eine rituelle Begehung?

Die größte dieser Geoglyphen misst 1,5 Kilometer. Der Rhythmus der Linien scheint die Hauptrolle zu spielen. Ihre Bedeutung erschloss sich weniger über die Augen als über die Füße – im Zustand des kollektiven Tanzes, der musikalisch intonierten rituellen Begehung, vermutlich unter Einwirkung psychedelischer Substanzen wie dem aus dem San-Pedro-Kaktus gewonnenen Meskalin. Ritualwege als Orte synästhetischer Erfahrung, Bühnen für Wetterzauber.

Sahen die Schamanen die Riesengebilde etwa vor ihrem „geistigen Auge“? Die rituelle Verwendung von Seeschneckenhäusern und die Abbildung bestimmter Tiere wie des Narwals drücken nach Ansicht der Forscher  die Hoffnung auf rhythmisch wiederkehrende Regenperioden aus, die mit dem Erscheinen dieser Tiere verbunden waren.

Gegen Ende der Nasca-Zeit, im 3. Jahrhundert, kam es zu einem wahren Geoglyphen-Boom: Mit immer aufwändigeren und großräumigeren Ritualen beschworen die Nasca die Nähe zu den Fruchtbarkeit spendenden Mächten. Der Bereich zwischen der Sphäre des Menschlichen (Flusstäler) und denen der Götter (Berge) bot sich zur Kontaktaufnahme mit dem Übernatürlichen geradezu an,  meint der Schweizer Peter Fux, der mit seiner peruanischen Kollegin Cecilia Pardo die Ausstellung kuratiert.

Letztlich aber haben die Nasca den Kampf mit der Wüste verloren. Sie verließen das verödete Grasland und fanden am Fuße der Anden vermutlich eine neue Heimat. Es blieben ihre Schürfbilder – und weit mehr: Das Staunen über eine hoch komplexe Kultur.

Kooperation mit der Bundeskunsthalle Bonn

Öffnungszeiten „Nasca – Peru. Auf Spurensuche in der Wüste“ heißt die Ausstellung im Museum Rietberg in Zürich und läuft dort bis zum 15. April; Di–So 10–17, Mi 10–20 Uhr (montags geschlossen, auch am 1. Weihnachtsfeiertag). Vom 10. Mai an ist die Schau unter dem Titel „Nasca – Im Zeichen der Götter“ in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen.

Katalog Intensiv beschäftigt sich das Katalogbuch von Cecilia Pardo und Peter Fux mit den mysteriösen Geoglyphen Perus und der Kultur der Menschen, die sie erschaffen haben. Der reich bebilderte Band ist in Zusammenarbeit mit dem Museum Rietberg Zürich, dem Museo de Arte de Lima und der Bundeskunsthalle Bonn entstanden und im Verlag Scheidegger & Spiess erschienen (364 Seiten, 49 Schweizer Franken beziehungsweise 48 Euro). Dieses Buch stellt erstmals die Nasca-Kultur umfassend dar, die geprägt war von Ritualen, Kunst, Musik und extremen klimatischen Bedingungen.