Ulm / HELMUT PUSCH Er war der Nestor des deutschen Kabaretts und 60 Jahre lang die spottende Instanz der Republik. Am Mittwoch ist Dieter Hildebrandt gestorben, einen Tag, nachdem er seine Krebserkrankung publik gemacht hatte.

Dieter Hildebrandt war der große Täuscher auf den deutschen Kabarett-Bühnen. Denn wenn er sich stotternd, mit dem ganzen Körper windend, die Hände reibend in einem Satz verzettelte, um dann mit großen Augen eine Formulierung zu finden, war das kein Zufall. Was da aus scheinbarer Hilflosigkeit zwischen hochgezogenen Schultern geboren wurde, war eine scharfe Analyse dessen, was die Politik zuvor sorgsam mit sprachlichen Hohlbausteinen zugemauert hatte. Die Pointen saßen: inhaltlich präzise, wunderbar sicher im Timing und immer einem Menschenbild verpflichtet, das eben diesen Menschen in den Mittelpunkt stellte. Dieter Hildebrandt war mehr als nur ein Könner seines spöttelnden Faches. Hildebrandt war eine moralische Instanz. Auch deswegen, weil er sich nie als solche inszeniert hat.

Der 1927 im schlesischen Städtchen Bunzlau geborene Hildebrandt gehörte zu jener Generation, die das „Dritte Reich“ als Kind und Jugendlicher erlebt hat. Er meldete sich in den letzten Kriegsmonaten zur Heeresflak. „Es wird fälschlicherweise immer gesagt, viele meines Jahrgangs hätten sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet. Das war so nicht der Fall. Wir haben nur gewusst, wenn wir uns nicht zu einer Waffengattung freiwillig melden, kommen sie in die Schule und verpflichten uns zur Waffen-SS“, erinnerte er sich in seiner Autobiografie „Ich musste immer lachen“.

Lachen musste er immer, wenn ihn ein Vorgesetzter anschrie: „Ich hatte einen Hass auf jeden Befehl.“ Und diese gesunde Distanz zur Obrigkeit, dieser stete Zweifel an scheinbar unabänderlichen Gegebenheiten, waren es auch, die den Kabarettisten auf der Bühne scheinbar arglos immer wieder die richtigen Fragen stellen ließen.

1947 baute Hildebrandt sein Abitur in Weiden, wo die Familie nach der Flucht gelandet war, danach studierte er in München: Theaterwissenschaften, Volkskunde, Kunstgeschichte und Literatur. Doch „Daniel Bühnentrieb“, wie er sich selbst nannte, zog es vors Publikum. Die Debatten um die deutsche Wiederbewaffnung waren es, die ihn zum Kabarett brachten. „Ich wollte auf die Bühne und wollte Krach machen, wollte stören.“ Und das tat er im Nachkriegsdeutschland wie kein anderer. 1955 gründete er mit Freunden „Die Namenlosen“, lernte den Sportreporter Sammy Drechsel kennen und gründete mit ihm, Klaus Havenstein, Ursula Herking und Hans-Jürgen Diedrich die Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ – in dieser Besetzung eine westdeutsche Kabarett-Institution.

1973 startete Hildebrandt im ZDF mit seinen „Notizen aus der Provinz“ – argwöhnisch beäugt von der Politik. Im Wahljahr 1980 verordnete ZDF-Intendant Dieter Stolte eine Sendepause, Hildebrandt reagierte sofort, noch im gleichen Jahr wurde der erste „Scheibenwischer“ in der ARD ausgestrahlt. Und auch der sorgte für Schlagzeilen, 1986 weigerte sich der Bayerische Rundfunk, die Folge zum Reaktor-Unglück in Tschernobyl auszustrahlen. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Ohnehin war es eine schwere Zeit für den Kabarettisten. Seine erste Frau Irene war im Sommer 1985 an Krebs gestorben, wenige Monate darauf auch Sammy Drechsel. „Ich glaubte, dass es nur noch ein Zu-Ende-Leben sein würde.“ Doch Hildebrandt machte weiter. Heiratete 1992 die Kabarettistin Renate Küster, produziert den „Scheibenwischer“ – bis 2003.

Hildebrandt reüssierte auch als Schauspieler: in Helmut Dietls Fernsehserie „Kir Royal“ als Paparazzo Herbie Fried, in Gerhard Polts Filmen „Kehraus“ und „Man spricht deutsh“. Der Mann, der über sich sagte, „Ich bin nicht groß, nicht schön, nicht gut genug, um Schauspieler zu werden“, wurde mit vier Grimme-Preisen ausgezeichnet.

Fast 20 Bücher hat Hildebrandt als Autor, Herausgeber und Übersetzer veröffentlicht. Und auch wenn er sich schon lange vom Fernsehen verabschiedet hatte, nur noch sporadisch in Sendungen wie „Neues aus der Anstalt“ als Gast auftrat, die Bühne hat Hildebrandt, der nie Mitglied einer Partei war, weil er „schnell wieder rausgeflogen wäre“, nie aufgegeben. Bis zum Sommer dieses Jahres war Hildebrandt auf Tournee und absolvierte pro Jahr rund 180 Termine.

Ende September sprach der 86-Jährige noch von einer „Auszeit“, die er sich nehme. Auf seine Homepage stellte er eine Karikatur von Dieter Hanitzsch. „Ich muss mal . . . zur Reparatur“, sagte sein gezeichnetes zweites Ich – und deutete auf eine Klinik. Erst am Dienstag machte er seine Krebserkrankung publik. In der Nacht zum Mittwoch starb Hildebrandt auf der Palliativstation eines Münchner Krankenhauses an seiner Prostatakrebs-Erkrankung.

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