Bachakademie Musikfest Stuttgart mit „Krieg und Frieden“

Energiegeladen: Haydns „Militärsinfonie“ zur Eröffnung des Musikfests Stuttgart.
Energiegeladen: Haydns „Militärsinfonie“ zur Eröffnung des Musikfests Stuttgart. © Foto: Holger Schneider
Stuttgart / Hanns-Horst Bauer 28.08.2018

Mit einem exquisiten,  musikalisch hochspannenden Abend unter dem Motto „Haydn und die französischen Revolutionskriege der 1790er Jahre“ hat Akademieleiter Hans-Christoph Rademann im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle  mit seinen Ensembles die erste Musikfestwoche eröffnet. Voller Stolz weist er darauf hin, dass die Gaechinger Cantorey, zu Helmuth Rillings Zeiten noch schlicht „Gächinger Kantorei“ genannt, zum ersten Mal ein klassisches Programm mit Originalinstrumenten aufführt: „Damit wagen wir den Schritt vom Zeitalter des Barock in eine neue Epoche.“

Und dieser Schritt hatte es in sich. So aufgeraut, aufregend und energiegeladen, wirklich unter die Haut gehend, hat man Haydns populäre „Militärsinfonie“, die Nummer 100, noch selten im Konzertsaal gehört.  Kein Wunder, dass das Publikum selbst in den Pausen zwischen den Sätzen hochkonzentriert aufs sonst übliche Husten und Räuspern verzichtete. Mit spektakulär sportivem Einsatz des ganzen Körpers holte Rademann aus seinen Musikern das Letzte, besser: das Allerfeinste heraus.

Eindrucksvoll Effekt machten neben den exzellenten Streichern die ganz wunderbaren Bläsersolisten und natürlich das martialische Klangspektakel mit großer Trommel, Becken und Triangel im Allegretto-Satz. Was Besucher von heute im Konzertsaal einfach genießen, war seinerzeit bei der Uraufführung der Sinfonie aus aktuellem Anlass mit „entfesselten Beifallsschreien für das Heranrücken der Schlacht“ begrüßt worden.

Mit Haydns „Scena di Berenice“ ist Rademann ein echter Überraschungscoup gelungen, dürfte das Werk doch nur den wenigsten Besuchern bekannt gewesen sein. Die israelische Sopranistin Chen Reiss machte Rezitativ und Arie mit souverän geführter, farbenreicher Stimme zum intensiven opernhaften Ereignis, das mit kräftigen Bravos gefeiert wurde, während die Primadonna der Uraufführung nach Ansicht des Komponisten „ziemlich kläglich“ gesungen hatte.

Begeisterten Beifall und Bravos gab es auch es auch nach der bis ins kleinste Detail aufgeschlüsselten Paukenmesse („Missa in tempore belli“)  für die weiteren Gesangssolisten und natürlich für den absolut perfekten Chor und das Orchester. SWR 2 sendet den Mitschnitt des Konzerts am 18. September um 13.05 Uhr.

Vom „Eindringen der  Wirklichkeit in den bürgerlichen Konzertsaal“ hatte die neue Intendantin der Bachakademie, Katrin Zagrosek, in ihrer Begrüßungsrede gesprochen. Wie schon auf den Musikfesten zuvor, die sich mit Herkunft, Freundschaft, Reichtum und Freiheit beschäftigt hatten, stehen die verschiedenen „Sichten auf Bach“ im Mittelpunkt.  Da stellen  neben Rademann Spezialisten wie Hermann Max und Ton Koopman ihre speziellen Zugangswege zum Thomaskantor zur Diskussion.

Besonderen Wert legt Rademann wieder auf ein breites „Vermittlungsangebot“ und ein „durchkomponiertes Gesamtprogramm“, zu dem er vor allem das „Klangatelier“ als Werkstatt und Ausstellungsort sowie das Format „NachGedacht“ zählt. Dazu kommen Führungen in der Staatsgalerie, ein Familienkonzert und öffentliche Gespräche im Musikfest-Café.

Ausgesprochen glücklich ist der Akademieleiter darüber, dass sich die Reihe „Unternehmen Musik“ erfolgreich zu einer Marke entwickelt hat, bei der mit Firmen maßgeschneiderte Programme an ausgewählten Orten entwickelt werden, so etwa im Mercedes-Benz Museum ein „Tribute to Glenn Miller“ mit Vokalquartett und Swing Dance Orchestra. Das überzeugt auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der sich ganz besonders darüber freut, „dass das Musikfest mit vielfältigen Angeboten an unterschiedlichsten Spielorten seinen Anspruch auf eine große Breitenwirkung deutlich macht“.

h-Moll-Messe und „Türkenschlacht“

Highlights unter den insgesamt 40 Veranstaltungen beim Musikfest der Internationalen Bachakademie Stuttgart, das noch bis zum 9. September dauert:

29.8. Strawinsky, „Die Geschichte vom Soldaten“, Dominique Horwitz, 19 Uhr, Theaterhaus.
30.8. Bach, h-Moll Messe, Ton Koopman mit Amsterdam Baroque Orchestra & Choir, 19 Uhr, Liederhalle, Beethovensaal.
1.9. „Krieg dem Kriege“, Dresdner Kammerchor und Ensemble, 19 Uhr, Kärcher Auditorium, Winnenden.
5.9. „Türkenschlacht bei Wien 1683“, Berner Orchester für Alte Musik, 19 Uhr, Im Wizemann.
8.9. Stuttgart Singt, Musikfest-Chor, 11 und 13 Uhr, Treppe ­neben dem Kunstmuseum.
9.9. Abschlusskonzert „Händel und der
Friede von Utrecht 1713“, Gaechinger Cantorey, Rademann, 19 Uhr, ­Liederhalle, Beethovensaal.

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