Stuttgart Musikfest Stuttgart: Riesling, Quasthoff und ein aufschäumender "Idomeneo"

Stuttgart / JÜRGEN KANOLD 07.09.2015
"Freundschaft" heißt in diesem Jahr das Motto des Musikfests Stuttgart. Der Beginn einer hoffentlich wunderbaren Freundschaft der Bachakademie mit der Oper war eine Aufführung von Mozarts "Idomeneo".

"Erfrischend, sehr ausgeprägt, voluminös" - nein, von keiner Gesangsstimme ist die Rede. Derart beschrieb vielmehr ein Wengerter vom Collegium Wirtemberg seinen Riesling "Alte Reben", Jahrgang 2014. Ebenso vollmundig las dazu Thomas Quasthoff in der Kelter Uhlbach Hanns Dieter Hüsch. Stuttgart ist das Weindorf unter den deutschen Großstädten, und so begann das Musikfest der Internationalen Bachakademie angemessen mit "Wandelkonzerten zum Wein".

Einen trockenen Rosé schenkte das Weinbaumuseum Stuttgart zur musikalischen Cuvée des Duos Anna Carewe (Cello) und Oli Bott (Vibraphon) aus, ein Götzenberg-Spätburgunder mundete in der Uhlbacher Andreaskirche zu "Bach and inner friends" mit Andreas Nebl (Akkordeon) und Frank Nebl (Klarinette). Durchaus geschmackvolle Konstellationen.

Sehr lokal also startete, im doppelten Sinne, das Musikfest Stuttgart. Es steht unter dem nicht ganz originellen, aber im Programm sehr beziehungsreich durchgezogenen Motto "Freundschaft". Es währt diesmal nur zehn Tage und wartet - so einige Kritiker - mit einer überschaubaren Anzahl von Klassik-Promis auf. Dafür gibt's in der "heimlichen Chorhauptstadt Deutschlands" am Hauptbahnhof oder in der Markthalle bürgerschaftliche Großveranstaltungen wie "Stuttgart singt!" und auch Konzerte im Trumpf-Betriebsrestaurant in Ditzingen oder bei Kärcher in Winnenden ("Unternehmen Musik").

Und als Abschlusskonzert des Musikfests erklingt am Samstag in der Liederhalle Beethovens 9. Sinfonie, in der ebenfalls Stuttgart singt (Gächinger Kantorei, Philharmonia Chor und Stuttgarter Kantorei), aber auch spielt (Stéphane Deneuve dirigiert das Radio-Sinfonieorchester): Dann wird sich, sehr programmatisch, die fröhliche "Freundschafts"-Runde schließen. Denn der Schwabe Friedrich Schiller, Spitzname "Trinker", schrieb einst ziemlich "feuertrunken" und gesellig die berühmte "Ode an die Freude". Nur dass Schiller sich damals, 1785, in sächsischen Weinbergen zu den Versen berauscht hatte.

Egal, zurück nach Stuttgart-Uhlbach. Thomas Quasthoff und nicht nur die Weinverkostung zog dort am Freitagabend Besucherscharen an. Höchst amüsant, wie er die herrlich ironischen Texte Hüschs vortrug. Von der Konzert- und Opernbühne hat sich der Bassbariton ja leider vor Jahren schon zurückgezogen, aber in der Volkslied-Satire über den "Folklorepreis in Sindelfingen-Süd" kam Quasthoff dann doch geradezu weinselig ins Singen. Und er erzählte, wie er einst in Hannover als Student einen Auftritt Hüschs erlebt, wie er sich, der kleinwüchsige Contergan-Behinderte, dicht an die Bühne gedrängt hatte. Worauf sich der näselnde Kabarettist, der an einem Klumpfuß litt, sich zu ihm heruntergebeugt und gesagt habe: "Guten Abend, Kollege!"

So lustig war's anderntags beim regulären Eröffnungskonzert des Musikfests im Beethovensaal natürlich nicht. Aber es wurde wieder eine Freundschaft geschlossen: zwischen dem Bach-Collegium Stuttgart und einer Mozart-Oper. Die Bachakademie unter Hans-Christoph Rademann ist ja eigentlich nicht nur freundschaftlich, sondern existenziell mit dem Werk Johann Sebastian Bachs verbunden; und Kantaten, Passionen und Oratorien gehören zum Kerngeschäft. Aber das war eine fesselnde und auch vom Publikum gefeierte konzertante Dreieinhalb-Stunden-Aufführung des "Idomeneo".

Und zwar deshalb, weil Rademann auch in dieser Mozart-Oper alle seine Qualitäten ausspielte: sehr genaues, historisch informiertes Partiturstudium, aber dann ein kontrolliert emotionales Musizieren ganz aus dem Moment heraus. Jeder Akzent sitzt nicht nur punktgenau und kommt mit Elan, die musikalische Energie treibt von innen heraus das Geschehen an. Nichts erklingt geglättet, aber auch nicht effekthascherisch aufgeraut. Attacke, aber ein ums andere Mal führt Mozarts Sturm-und-Drang zum Schönklang. Bravourös, wie das Bach-Collegium dieses Musikdrama entfaltete - und die Gächinger Kantorei gab das Volk im "Idomeneo".

Internationale Klasse hatte auch diese Musikfest-Besetzung: In der Titelpartie glänzte Lothar Odinius nicht nur mit der koloraturengewittrigen Arie "Fuor del mar", Marlis Petersen sang furios die Furie Elettra, Kenneth Tarver mit heller Tenorhöhe den Arbace, Jenny Carlstedt den leidgeprüften Idamante (ein feiner Mezzo in der Kastratenpartie). Die Entdeckung des Abends war die blutjunge Anna Lucia Richter als hoffnungsvoll wie weltunglücklich liebende Ilia.

Und was die Opern-Menschen singen, das ergreift. Denn nicht nur im Wein, wie der Philosoph Hegel behauptete, liegt die Wahrheit, ganz gewiss auch in der Musik.

Bachs Messe in h-Moll

Rademanns Debüt "Sichten auf Bach" heißt eine Reihe des Musikfests - mit großer editorischer Sorgfalt hat Hans-Christoph Rademann schon im vergangenen Januar die h-Moll-Messe für seine erste CD-Aufnahme als Bachakademie-Chef mit der Gächinger Kantorei untersucht. Es ist, so der Carus-Verlag, auch die erste Einspielung des berühmten Werks, die versucht, streng dem Bach'schen Notentext zu folgen: Kyrie und Gloria erklingen nach den von Bach selbst eingerichteten "Dresdner Stimmen" von 1733. Ein reines Bachakademie-Produkt ist die CD aber nicht. Rademann dirigiert mit raschen Tempi das Freiburger Barockorchester.

 

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