Klänge Musik-Berieselung für jedes Konsumziel

Ulm / Claudia Reicherter 06.09.2018

Landen die schön reifen Tomaten eher im Einkaufskorb, wenn den Kunden eine fetzige Hookline von Las Ketchup  umwabert? Verzichtet der Konsument auf jegliche sparsamkeitsdiktierte Selbstkontrolle, wenn Laura Branigan aus den Lautsprechern rockt? Lockert speziell bei prallem südländischen Gemüse Adriano Celentano den Griff zum Geldbeutel? Oder wirkt der vielmehr in der Getränkeabteilung bei Selters und Gin? Und hilft Michael Bublé, um alles, absolut alles, in anderen Worten „everything“, an den Mann zu bringen?

Solche Fragen beschäftigen ganze Forscherteams und auch die Vorstände großer Konzerne. Das ist sinnvoll, kann die musikunterspülte Konsumenteninfiltration doch auch nach hinten losgehen: Santiano oder Gabalier im Gartenfachmarkt treiben Manchen in die offene Aggression. Da wären die Hothouse Flowers oder Adam Green möglicherweise zielführender. Als Gegenmittel vermag das höchstens der frühe Bushido wieder einzurenken.

Für Handelstreibende, die sich weder in Verbraucherpsychologie noch Musikgeschichte auskennen, gibt es im Internet Sounds und Tracks für jedweden Alltagszweck zum freien Herunterladen oder Streamen: fürs Capuccinosüffeln, Haareschneidenlassen, Hemdenshoppen.

Denn war früher „Fahrstuhlmusik“ eine abwertende Vokabel, so hat sich das mit Sugars „File Under: Easy Listening“ (kurz F.U.E.L., auch für Tankstellenshops geeignet) und der Erfindung von Café del Mar (nicht nur für die Konditorei und Strandbar) radikal geändert. Die Konsumenten dezent bis brachial steuernde musikalische General-Untermalung hat sich zum ernstzunehmenden Erfolgsrezept gewandelt.

Weil sich das bezahlt macht, ist uns heute in der Öffentlichkeit kaum Ruhe vergönnt. Außer in der Kirche ­– wenn dort nicht gerade Gottesdienst oder Hochzeit gefeiert wird. Selbst die Mitarbeiterinnen im Roggenburger Klostershop verordnen ihren Kunden Klänge aus der Konserve. Bettina Alms’ „Gebet der Flöte“ jedoch erweist sich als rundum wohltuend. „Wir haben einiges an Meditationsmusik da“, erläutert die freundliche Angestellte. „Das lassen wir immer ein paar Wochen laufen, dann tun wir was anderes rein.“

Kein Wunder, muss die aktuell gespielte CD öfter nachbestellt werden. Auch der fair gehandelte guatemaltekische Kaffee mit Sorgenpüppchen oder die Ing­wer-Himbeer Kloster-Konfitüre lassen sich so rundum entspannt erwerben.

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