New York Munch bricht Auktionsrekord

Chefauktionator Tobias Meyer stachelt die Bieter im New Yorker Auktionshaus Sothebys an. Kurz darauf fällt der Hammer für das expressive Bild. Foto: afp
Chefauktionator Tobias Meyer stachelt die Bieter im New Yorker Auktionshaus Sothebys an. Kurz darauf fällt der Hammer für das expressive Bild. Foto: afp
CHRIS MELZER, DPA 04.05.2012
Edvard Munchs "Der Schrei" wurde in New York nach einem spannenden Bieterduell für 120 Millionen Dollar versteigert. Als Käufer gilt die Königsfamilie von Katar. Die Versteigerung wurde auch kritisiert.

Die Millionen flogen so schnell durch den Saal, dass nicht einmal das Internet mitkam. Der Andrang auf die Versteigerung von Edvard Munchs "Der Schrei" war so groß, dass das Online-System des Auktionshauses Sothebys immer wieder zusammenbrach. Doch die Bieter im Saal in New York und am Telefon genügten: Nach gut zwölf Minuten war das legendäre Bild versteigert - für fast 120 Millionen Dollar (90 Millionen Euro). Ein Weltrekord, den bislang Pablo Picasso mit seinem "Akt mit grünen Blättern und Büste" hielt. Der war vor zwei Jahren für 106,5 Millionen Dollar versteigert worden.

Die einzige bisher in Privatbesitz befindliche Version des berühmten Gemäldes - die drei anderen Varianten von Munchs "Schrei" hängen in norwegischen Museen und sind praktisch unverkäuflich - war auf 80 Millionen geschätzt worden.

Bei diesem Betrag stockten am Mittwochabend zunächst die Gebote. Doch Sothebys-Chefauktionator Tobias Meyer konnte zwei Bieter anstacheln. "Das war es doch noch nicht", sagte der Deutsche. War es auch nicht. Sekunden später durchbrach das Bild die Rekordmarke.

Der Hammer fiel bei 107 Millionen Dollar. Während man bei Aufruf der Pastellzeichnung eine fallende Stecknadel hätte hören können, brach nach dem Zuschlag Beifall los. "Ein historischer Tag", sagte Meyer, der mit den Millionen jongliert hatte. Der erfolgreiche Telefonbieter hatte dem Auktionshaus nebenbei gerade eine Provision von fast 13 Millionen Dollar eingebracht. Dieses Aufgeld eingerechnet, wurde der Munch für 119 922 500 Dollar verkauft.

Ein Arbeitnehmer, der 3000 Euro im Monat auf die Seite legen könnte, müsste für diesen Betrag rund 2500 Jahre sparen. Sparen war bei den mehreren hundert Gästen im Auktionssaal kein Thema.

Mit dem Champagnerglas in der Hand wurde der Aufmarsch von impressionistischen, klassisch modernen und zeitgenössischen Bildern und Plastiken verfolgt. Ein Picasso für 26 und ein Salvador Dalí für 14,5 Millionen Dollar gingen im Windschatten des Norwegers Munch geradezu unter. "Dieser Verkauf war der Traum eines jeden Auktionators", sagte Tobias Meyer. Er könne dem Käufer nur gratulieren: Das Bild sei jeden Penny wert.

Wer es kaufte, war zunächst unklar. Die Familie des Emirs von Katar, Scheich Hamad bin Chalifa al-Thani, war in der Kunstszene bereits vor der Auktion als möglicher Bieter genannt worden. Arabische Quellen in Istanbul bestätigten gestern gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, die Herrscherfamilie habe das Kunstwerk erstanden.

Der bisherige Eigner der verkauften "Schrei"-Version, Petter Olsen, will mit einem Teil des Erlöses zum 150. Geburtstag des norwegischen Nationalhelden im nächsten Jahr ein Munch-Museum im Bezirk Akershus eröffnen. Dem norwegischen Fernsehen gestand er, jetzt "ein bisschen erleichtert" zu sein. Der Besitz eines so berühmten Gemäldes habe für enormen Druck bis hin zu Angst gesorgt. Olsen hatte das Bild einst von seinem Vater bekommen, einem Nachbarn Edvard Munchs. Die Nachfahren des jüdischen Kunstsammlers Hugo Simon hingegen kritisierten die Versteigerung: Simon habe das Werk, nachdem er vor den Nazis aus Deutschland geflohen war, unter Zwang verkauft. Sie werfen Petter Olsen vor, die Auktion trotz ethischer Bedenken durchgeführt zu haben.

Ungeteilt positive Reaktionen hat die Rekord-Auktion bei den norwegischen Nachfahren des Malers ausgelöst. "Jetzt ist er endlich zu einem der ganz großen Künstler-Namen in der Welt geworden", sagte Elisabeth Munch-Ellingsen als Sprecherin des Erbengemeinschaft. "Jetzt hoffe ich, das wir auch in Norwegen das Munch-Erbe besser verwalten." Denn das Munch-Museum in Oslo, aus dem 2004 eine andere Version des "Schrei" geraubt worden war, gilt als veraltet, ein Neubau ist umstritten. Der Chef des Osloer Museums, Stein Olav Henrichsen, findet es "irgendwie schade, dass Munch diese enorme Anerkennung nicht selbst miterlebt hat". Jetzt müsse man in Norwegen dafür sorgen, dass Munchs künstlerisches Schaffen für ein breites Publikum zugänglich gemacht werde.

Nicht nur der Auktionator dieses Rekord-Bietens ist Deutscher, das Bild hat auch einen deutschen Hintergrund: Es wurde für einen deutschen Kaufmann gemalt und bekam von Munch den deutschen Titel "Der Schrei".SOTHEBY"S] Das Gedicht, das ihn zu dem Bild animierte, steht auf dem originalen Holzrahmen, der mitversteigert wurde.