Ulm Münsterturm-Jubiläum am Boden

Nicht fertig geworden mit dem "Ulmer Oratorium": Komponist Marios Joannou Elia.
Nicht fertig geworden mit dem "Ulmer Oratorium": Komponist Marios Joannou Elia. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / JÜRGEN KANOLD 07.03.2015
Mit einem 500.000 Euro teuren "Ulmer Oratorium" wollte Ulm das Jubiläum "125 Jahre Münsterturm" feiern. Aber der Komponist liefert nicht.

Als der Hauptturm des Ulmer Münsters anno 1890 vollendet war, feierten die Ulmer Bürger diese Spitzenleistung von 161,53 Metern mit einer Aufführung von Felix Mendelssohns "Elias". 125 Jahre später sollte zum Jubiläum open air auf dem Münsterplatz ein zeitgenössisches Werk erklingen, ein "Ulmer Oratorium" des zyprischen Komponisten Marios Joannou Elia: "Kreuzblume - eine Turmfantasie". Aber die Fantasie ist den Beteiligten dann gründlich abhanden gekommen und überhaupt der "Ulmer Weitblick - unter diesem Motto stehen die Feierlichkeiten, die sich die Stadt Ulm insgesamt 1,8 Millionen Euro kosten lässt. Oberbürgermeister Ivo Gönner hat den Vertrag mit dem Komponisten gekündigt, das "Ulmer Oratorium" abgeblasen: ein Debakel. Jetzt macht die Stadt die gewünschten Schlagzeilen: allerdings sehr negative. Die Spitze im Süden: am Boden.

Wer daran die Schuld trägt? Sicherlich auch Elia, weil er seine Partitur offenbar nicht vertragsgemäß ablieferte. Aber die Musikgeschichte ist voll von säumigen Komponisten, angeblich unspielbaren Werken und Uraufführungsproben in letzter Minute. Es drängt sich der Verdacht auf, dass der Auftrag an Elia ein Missverständnis war und dass die Ulmer Organisatoren, also federführend das Kulturamt, überfordert waren.

Wie war man denn auf Marios Joannou Elia als Komponisten gekommen? Jean-Baptiste Joly von der Akademie Schloss Solitude hatte den international tätigen Zyprer, einen Spezialisten für neutönerische Events, vorgeschlagen. Elia hatte 2011 für das Jubiläum "125 Jahre Automobil" in Mannheim eine "Autosymphonic" geschrieben, eine Multimedia-Sinfonie, bei der auch die Geräusche von 80 Fahrzeugen percussiv mitspielten. Die spektakuläre Aufführung vor 17.000 Menschen am Mannheimer Wasserturm kostete rund 2,5 Millionen Euro, die lange Liste der professionellen Macher und Mitwirkenden passte nicht mal auf eine der endlosen Partiturseiten Elias; und zu den Akteuren gehörten mit dem SWR-Vokalensemble und dem Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg internationale Spitzenmusiker.

In Ulm aber sollten die lokalen Kräfte dabei sein, auch Laienensembles, mehr als 400 Beteiligte, dirigiert vom Kantor des Münsters, Friedemann Johannes Wieland - eine tolle Idee, diese Bürgerbeteiligung am Jubiläum der Bürgerkirche. Aber so einfach war das "Ulmer Oratorium" nicht zu stemmen, auch nicht mit einem Budget von 500.000 Euro. Man hatte ein All-inklusive-sorglos-Paket bei Elia einkaufen wollen - aber Elia ist nur ein Komponist und arbeitet noch an ganz anderen Projekten, er ist künstlerischer Leiter der Europäischen Kulturhauptstadt 2017: Paphos. So lief der Zeitplan aus dem Ruder.

Jetzt stehen die Ulmer ohne ein musikalisches Großereignis zum Münsterturmjubiläum am 28. und 29. Mai da. Rund 200.000 Euro sind aufgrund vertraglicher Pflichten aber bereits ausgegeben.